Bodenpersonal in Kenia

11. März 2008

“Macht ist eine gefährlichere Droge als Heroin oder Alkohol.”

Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen. – 50 Jahre Misereor

Zorn – Warum gab es so kurz nach Weihnachten diesen Gewaltausbruch in Kenia? Einfühlen, eine Art Zärtlichkeit, gibt ein Artikel von Wolfgang Schonecke in der Herder Korrespondenz, den ich sehr empfehlen kann. Nicht, dass der Zorn weggelassen würde … ich greife einige Punkte aus dem Artikel als Zitat auf:

Am Tag nach der Wahl war Nairobi wie leergefegt. Die ganze Nation hing gebannt an Radios und Fernsehern und jubelte jedes Mal, wenn wieder rein korrupter Politiker dem Stimmzettel zu Opfer fiel. Railas Kandidaten hatten die Mehrheit im Parlament gewonnen. Dann kam der Coup. Mit Oppositionskandidat Raila Odinga knapp in Führung wurde die Auszählung gestoppt, eine Nachrichtensperre verhängt, und Leiter der Wahlkommission gezwungen, Amtsinhaber Mwai Kibaki zum Sieger zu erklären. Der Generalstaatsanwalt war auch zur Stelle, um ihn sofort zu vereidigen.

Technisch war das ein unblutiger Staatsstreich oder ein ziviler Putsch – wie die ehemalige Staatssekretärin im Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ), Uschi Eid, es nannte. Als dann der Leiter der Wahlkommission auch noch erklärt, er wüsste eigentlich nicht genau, wer die Wahl gewonnen hätte, war jedem klar, was passiert war. Chef der EU-Wahlbeobachter Alexander Graf von Lambsdorf konnte sich auch nur dazu durchringen, von „Unregelmäßigkeiten“ zu sprechen und der renommierte BBC wiederholt wie eine Mantra, es sei Raila, der sich um seinen Sieg betrogen fühlt. Hätte man Kibakis Regierung sofort als illegitim erklärt und massiven Druck auf ihn gemacht, wäre Kenia vielleicht viel Gewalt erspart geblieben. Wobei man nicht übersehen darf, dass sich viel Kenianer, Politiker, Geschäftsleute und ganz normale Bürger, sich mit allen Kräften einsetzten, die Gewalt einzudämmen, Respekt zwischen den ethnischen Gruppen wiederherzustellen und den Opfern der Unruhen beizustehen.

Die Stimme der Kirche blieb schwach

In dieser schwersten politischen Krise seit dem Mau-Mau Aufstand, blieb die Stimme der Kirchen schwach, zögerlich und uneinig. [...] Warum brauchten die Bischöfe so lange, um auf eine nationale Krise zu reagieren? Warum fanden sie nicht die richtigen Worte, um eine klare und konkrete politische Orientierung zu geben? Warum glaubte Nairobis neuer Erzbischof Kardinal John Njue dem Usurpator gratulieren zu müssen? Das sind schmerzliche Fragen.
Ein Grund ist sicher, dass auch die Bischofskonferenz selber nicht einig ist. Selbst Bischöfe unterliegen der Versuchung, sich mit ihren ethnischen Gruppierungen zu identifizieren und die Kriterien für eine halbwegs objektive Analyse zu vergessen. Am Ende einigt man sich auf Aufrufe, die Gewalt zu beenden, und auf fromme Ermahnungen, sich an einen Tisch zu setzen, ohne aber die Ungerechtigkeiten auf beiden Seiten klar zu benennen.

[...] Wie so oft liegt die Stärke der Kirche bei den Bodentruppen und weniger in der Führungsgarde. Katholische Pfarreien und Institutionen wurden Zufluchtsorte für Tausende den Menschen, die vor der Gewalt fliehen mussten. Gemeinden leisten spontan erste Hilfe, die Caritas unterstützte sie. In Nairobi bildete sich ein Team von Traumaheilern, die den internen Flüchtlingen zuhören, Trost spenden und erste Nöte abdecken.

So kennen wir es ja auch vom Dritten Reich her. Eine der Stärken jener wirksamen Underdogs ist aber, dass sie dennoch eine gewisse Loyalität mit und dazu eine große Hoffnung auf die offizielle Kirche haben (soweit ich das sehe wenigstens. Schulleiter Dumbledore in den Harry Potter Romanen ist dankbar, dass andere den Job der Macht im Zaubereiministerium übernehmen und ihm wenigstens in manchen Dingen für seine Sorge um die Schüler den Rücken freihalten.)

[...] So bleibt nur zu hoffen, dass internationale Vermittlungsbemühungen nach vielen Misserfolgen, am Ende doch einen politischen Kompromiss erreichen, der eine fest garantierte Machteilung und am Ende auch Neuwahlen einschließen muss. Aber Macht ist eine gefährlichere Droge als Heroin oder Alkohol. Und schon mancher machtsüchtige Politiker hat sein Land in den Ruin getrieben hat.

Eine aktuellere Einschätzung zum Annan-Friedensplan, wie er inzwischen vereinbart wurde, bei Andrea Böhm.

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