Alles hinter sich lassen
28. Februar 2008
Es war immer schon verrückt und faszinierend, dass da jemand kommt, zwei Worte sagt („opisso mu“ „hinter mich!“) und dass gewisse Leute dann alles liegen und stehen lassen. Diskutiere hier zwei literarische Werke, in denen so etwas passiert: Henning Mankells „Chronist der Winde“ und F.M. Dostojewski „Der Spieler“.
Dostojewskis Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch ist bereit, alles für die stolze Polina zu tun, obwohl er sich keine Chance ausrechnet, dass sie seine Liebe erwidern wird. Er ist nur Hauslehrer, sie eine Adlige mit vielen Allüren. Polina nimmt Aleksejs Treuegelübde mehrmals für eigene Zwecke in Anspruch, lässt ihn aber nicht wissen, was sie von ihm denkt und für ihn fühlt. Sie ruiniert Aleksejs Selbstbewusstsein so weit, dass er durch ihre Späßchen seine Anstellung verliert. Indem sie ihn eines Abends allein im Hotelzimmer besucht, setzt sie sich selbst über Anstandsregeln hinweg und „kompromittiert sich“ – alles deutet darauf hin, dass sie ihm ihre Liebe gestehen will. Aleksej aber ist von dieser Situation überfordert und eilt erstmals mit eigenem Geld in den Spielsalon. Er konstruiert sich eine Geschichte, dass Polina in jener Nacht krank gewesen sein müsse.
Immer noch ist dieses Buch für mich die faszinierende Beschreibung dessen, was Sucht ist: Dostojewski kennt Spielen aus eigener Erfahrung. Das härteste daran ist vielleicht aber nicht so sehr das Suchthafte, sondern dass das Spielen Verrat an Aleksejs extremen Lebensentscheidung für Polina ist. Aber wer kann das bei dieser launischen jungen Frau schon wissen? Oder auch: Wollte Aleksej nicht schon immer an den Roulettetisch?
Im „Chronist der Winde“ (kenne leider nur die leicht gekürzte Hörspielfassung) lassen zwei Leute freiwillig alles hinter sich – im Hintergrund die Geschichte des afrikanischen Jungen Nelio, dessen Familie durch einen Überfall einer Kindersoldatenarmee auseinander gerissen wurde und der vielleicht ab dem Alter von 6 Jahren zwangsweise auf sich allein gestellt ist. Der erste ist Yabu Bata, Handwerker und Familienvater, machte sich eines Tages auf die Wanderschaft, seinen Weg zu finden. Jetzt wandert er seit 19 Jahren. Der zweite ist der Ich-Erzähler des Romans. Josè Antonio Maria Vaz hat, nachdem er die Lebensgeschichte des 11-jährigen Straßenjungen Nelio gehört hat, seine Stelle aufgegeben und ist sich sicher, dass er seinen Beruf als Bäcker nie mehr ausüben wird. Er hat die Frau, in die er verliebt war, vernachlässigt und verloren. Jetzt ist er nur noch Erzähler und er wird nicht aufhören, die Geschichte von Nelio zu erzählen.
Wozu sind diese drei Leute gerufen? Yabu Bata um sich zu Fuß auf den Weg zu machen, auf die Straßen Afrika-Israels, Josè um zu sprechen, von seiner Hoffnung aber auch von seiner Überzeugung, dass nach Nelio die Welt untergehe. Aleksej von seiner Liebe, für die er alles tun will. Für alle drei haben die beiden Geschwisterpaare Simon und Andreas, Jakobus und Johannes Pate gestanden, als J.v.N. sie aus ihren Fischerboten auf die Wanderschaft rief.
Wer hat diese drei Männer gerufen? Yabu Bata, der den Weg sucht, rief ein Traum – und er blieb ihm treu. Aleksej, wenn er tatsächlich gerufen wurde, rief eine Person: Polina, oder das Bild, das er sich von Polina machte. Er scheiterte und fiel tief. Weh dem, der die Hand an den Pflug gelegt hat und zurückschaut. Den Chronisten der Winde Josè rief die Geschichte von Nelio, insbesondere sein Sterben. Er war dabei und kann nicht aufhören zu sagen: dieser Mann war ein Gerechter. Ich zitiere aus dem Roman, Josè pflegt den schwer verwundeten Nelio auf dem Dach der Bäckerei:
Lange vor mir wusste er, dass er bald nicht mehr da sein würde.
Sein Geist wehte an mir vorbei wie ein kühler Hauch aus der höllischen Hitze, das war alles.
Inmitten der Trauer wurde mir bewusst, dass ich es war, der diese Geschichte erzählen musste. […]
Und die Geschichte musste erzählt werden.
[…] Denn es war ja so: Nelio war nicht nur ein armes, schmutziges Straßenkind gewesen, er war vor allem ein bemerkenswerter Mensch, ungreifbar, vieldeutig, wie ein seltener Vogel, von dem alle reden, obwohl ihn nie jemand wirklich gesehen hat.
Obwohl er erst 10 Jahre alt war, als er starb, verfügte er über eine Erfahrung und Lebensweisheit, als hätte er 100 Jahre gelebt. […]
Nelio umgab sich mit einem unsichtbaren magnetischen Feld, das niemand durchdringen konnte. Von allen, sogar von den brutalen Polizisten und den unentwegt nervösen indischen Händlern, wurde er mit Ehrerbietung behandelt.
Viele suchten seinen Rat oder hielten sich nur vorsorglich in seiner Nähe auf, in der Hoffnung etwas von seinen geheimnisvollen Kräften würde sich auf sie übertragen. [...]
Und jetzt war Nelio tot. Tief im Fieber versunken, hatte er mühsam seinen letzten Atemzug ausgeschwitzt.
Ich wusste, was viele dachten, ich hatte es selbst gedacht: Dass Nelio eigentlich kein Mensch war, sondern ein Gott. Einer der alten vergessenen Götter, die trotzig, oder vielleicht tollkühn auf die Erde zurückgekehrt waren und sich in Nelios mageren Körper geschlichen hatten. Oder wenn schon kein Gott, so war er wenigstens ein Heiliger. Ein Straßenkindheiliger.
Und jetzt war er tot. Fort.
Ich sah hinaus auf die dunkle Stadt […] und dachte: Hier hat Nelio eine kurze Zeit gelebt, mitten unter uns. Und ich bin der einzige, der seine ganze Geschichte kennt. Mir hat er sich anvertraut, nachdem man auf ihn geschossen hatte […]…
„Es ist nicht, weil ich Angst habe, man könnte mich vergessen.“ hatte er gesagt. „Es ist, damit ihr nicht vergesst, wer ihr selber seid.“ Nelio hat uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind. Menschen, von denen ein jeder heimliche Kräfte besaß, die er nicht kannte.
Nelio war ein bemerkenswerter Mensch. Seine Anwesenheit bewirkte, dass wir uns bemerkenswert fühlten.
Das war sein Geheimnis.
Ich sagte in einem früheren Eintrag: man könne kein Land und keinen Menschen „entwickeln“. Warum nicht?
Der Mensch ist viel zu wunderbar… gläubig gesagt: Gottes Pläne sind in sein Herz geschrieben, da kommen die Pläne der Anderen (der Entwicklungshelfer, Erzieher, die eigenen fixen Ideen) nicht mit.
(Die Bilder des inzwischen 100-jährigen Rupprecht Geiger, die alle Motive hinter sich lassen, sind eingebunden von Walter Storms Galerie.)
Lange vor mir wusste er, dass er bald nicht mehr da sein würde.
Obwohl er erst 10 Jahre alt war, als er starb, verfügte er über eine Erfahrung und Lebensweisheit, als hätte er 100 Jahre gelebt. […]
Und jetzt war Nelio tot. Tief im Fieber versunken, hatte er mühsam seinen letzten Atemzug ausgeschwitzt.
„Es ist nicht, weil ich Angst habe, man könnte mich vergessen.“ hatte er gesagt. „Es ist, damit ihr nicht vergesst, wer ihr selber seid.“ Nelio hat uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind. Menschen, von denen ein jeder heimliche Kräfte besaß, die er nicht kannte.