Jüdisches Erbe
14. Februar 2008
Auf viele Weiße-Rose-Veranstaltungen in letzter Zeit konnte ich nicht gehen, so auch auf Charlotte Knoblochs Gedächtnisvorlesung in der Ludwigs-Maximilians-Universität. Ich zitiere aus der Internetversion ihrer Rede:
Emil Fackenheim, einer der bedeutendsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts, schrieb einst – ich zitiere: „Verstehen die Nichtjuden? Einige tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“ Zitat Ende.
Ja, einige tun es. So wie auch die Mitglieder der Weißen Rose verstanden haben, als sie aus einer christlichen – aber dabei implizit jüdischen – Motivation heraus gehandelt haben.
Knobloch fühlt sich damit im Einverständnis mit christlichen Theologen. Das wichtigste Gebot nach J.v.N. ist das Alttestamentliche: Du sollst den Herrn, deinen G’tt, lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft, und deinen Nächsten wie dich selbst. Ich denke darauf spielt Fackenheim und auch sie selber an. Dabei schreibt sie G’tt ohne Mittelvokal - wohl ein klassischer Ausdruck jüdischer Ehrfurcht in moderne Sprache übersetzt. Sie schreibt nicht viel von G’tt, sondern übersetzt mehr den zweiten Zentralsatz ins Deutsche
Die Erinnerung an die Weiße Rose, ist eine Aufforderung, zu handeln, den Anderen nicht nur zu tolerieren, sondern sich aktiv für ihn einzusetzen. Und nicht feige zuzuschauen, wenn er in Gefahr gerät.
Das jüdische Bild zu der Geschichte: alle machen gemeinsam eine fröhliche Wallfahrt zum Berg des Herrn nach Jerusalem, wo die Weisung und Weisheit des Herrn ruht, natürlich hilft man sich bei so etwas. Das christliche Bild: alle Menschen zusammen bilden ein köstliches Gericht, eine wohlschmeckende Suppe, die Christen, die Jesus nachfolgen, sind das Salz darin.
„Verstehen die Nichtjuden? Einige tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“
Diesen Satz kann man auf zwei Weisen lesen.
1) Können und wollen die Nichtjuden uns Juden verstehen? Einige Nichtjuden tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“
2) Können und wollen die Juden die Nichtjuden verstehen? Einige Juden verstehen sie, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“
Zur ersten habe ich bisher geschrieben, ob die zweite wirklich intendiert war, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist das auch mitgemeint: wir als Deutsche sind angewiesen auf Verzeihung, aber auch auf Verstehen, Verstanden werden, auf Großzügigkeit (wie es mit Nachkriegsdeutschland oft geschah, insbesondere im Londoner Abkommen, das so anders als sein Vorgänger, der Vertrag von Versailles war). Knoblauch sprach über die Einmaligkeit des Holocaust, widersprach manchen zeitgenössischen Aktualisierungen, politischen Legitimationen über die Nazizeit - aber sie leugnete nicht, dass so etwas prinzipiell erlaubt ist.
… natürlich soll sich der Auszug aus Ägypten wiederholen, natürlich soll sich wiederholen, wie Jesus die Kranken heilte, natürlich soll sich wiederholt zeigen, dass die Liebe stärker ist als der Tod.
Anwendung für Christen, zum Beispiel so:
„Verstehen die Muslime? Einige tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Europa, sondern auch für die die ganze Welt.“
Auch dies will ich doppelt verstanden wissen. Ich hätte es gern, dass das muslime Weltverständnis im christlichen eingebettet werden kann: Alle Völker kommen zum Berg des Herrn. Alle zusammen, das gibt das beste Gericht und feiern das schönste Festmahl. Und ebenso irgendwie umgekehrt - aber dazu weiß ich zu wenig vom Islam.
Zweite Anwendung. Zur Shoa, dem Mord an den Behinderten, den Hereros, vielleicht auch dem Mord an den Armeniern. (mit dem Risiko, dass ich vollkommen falsch liege)
„Verstehen die Shoa? Einige tun es, und darin liegt Hoffnung nicht nur für Israel, sondern auch für die Völker.“
(Vielleicht statt “verstehen die Shoa” nur “stehen und es gibt die Shoa”).
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