Feuer auf der Erde

7. Januar 2008

Was bringt das neue Jahr? In Sorge um Kenia, Pakistan, Zimbabwe. Empfehle den folgenden Link: Pakistan in der Zeit. Ein deutscher Dichter berichtet über pakistanische Literaten.

Zum Beispiel zum Tod der Oppositionsführerin Butto und den Unruhen danach wird dort zitiert:

A bullet hits home in Pindi.
A criminal is dead.

Hours later, Karachi burns;
not with the grief of the masses,
but with the rage of the impoverished:
daily frustrations, otherwise unheard
in the concrete corridors of power.
(Fortsetzung und Übersetzung hier)

Butto war eine Verbrecherin, so Autorin Umbreen Butt (auf dem Foto). Und die herrschende Regierung: Entweder ebenso Verbrecher oder schlicht unfähig. Die letzte Gedichtstrophe wieder über jenes Karachi, in dem die erfolgreiche Lepra-Arbeit von Leuten um Ruth Pfau irgendwie doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

In Karachi setzt der Staub sich nicht.
Da muß noch was beglichen werden: in diesem
System der Indifferenz, wo
Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf
eine betrügerische Versprechung bleibt.

Diese Strophe nimmt den Gedichttitel auf “Unsetteled”. So viele haben kein Dach über dem Kopf, nicht einmal der Staub kann sich irgendwo absetzen. Dasselbe Gedicht könnte auch von Nairobi handeln, die Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen dort sind wahrscheinlich nur Anlass dafür, dass die Gewalt groß aufbricht.

Weitere Pakistanrecherchen auf jenem Weblog des deutschen Literaten Norman Ohler (zusammenfassender Bericht hier):

Es wird festgestellt, daß in Pakistan drei unterschiedliche Welten parallel existieren, im gleichen Raum, ohne die Fähigkeit, tolerant und produktiv miteinander zu kommunizieren:
-die Modernen (welche Englisch sprechen und meist in den Städten wohnen)
-die auf dem Land stark verbreitete Schrein-Kultur, die einen mysthischen Islam lebt, indem Ekstasetechniken praktiziert werden („Sufismus“)
-den orthodoxen Islam, wie er in den Bergprovinzen heimisch ist: (westlichen) Fortschritt ablehnend, lebend wie zu Zeiten Mohammeds: pure.

Ich speise mit Sabina, einer katholischen Einwohnerin der schönen Stadt Lahore, im “Village”, einem recht netten, jedenfalls gut besuchten Restaurant, und wir werden unentwegt angestarrt. Mehrmals gefragt, welches Verhältnis wir denn pflegten und ob wir verheiratet seien. Der Kellner will das wissen, später der Tuktuk-Fahrer, der Jeans-Verkäufer, Wildfremde auf der Strasse. Man spürt genau, was hier los ist. Sabina, 23, Angestellte, weiß jedenfalls, weshalb sie Perverz Musharraf so schätzt — und weshalb sie aufgrund seiner derzeitigen Schwäche zumindest Melancholie empfindet.
Der Generalpräsident, so behauptet sie, sei nämlich ein modern denkender Mann. Einer, der vor Frauen keine Furcht habe. Ein cooler Typ, im Grunde. Sabina hasst die Mullahs. Sie befürchtet: Wenn die Mullahs hier die Macht übernehmen, gibts keine lässigen Restaurantbesuche mit Freunden mehr. Muß sie verschleiert rumlaufen. Hat sie in Zukunft den Mund zu halten.

Der erste Eintrag, als Musharraf den Ausnahmezustand erklärte mit dem Titel: “Das Kind beim Namen genannt”:

lahore3.jpgAusnahmezustand (AZ) als Benennung dessen, was ohnehin die ganze Zeit schon war. Ausnahmezustand als ehrliche Geste. Ausnahmezustand, was sonst. Ausnahmezustand, na und. Ausnahmezustand, warum nicht. Es gibt noch einige Länder, die halten fest an irgendwas. Dann gibts die anderen, die sind im Ausnahmezustand.

Willkommen im AZ

Ich höre nicht “AZ”, sondern etwas noch schlimmeres aus der deutschen Vergangenheit. – Zunächst sage ich nüchtern mit Hans Scholl noch Anfang 1942: Hier etwas zu machen ist jenseits meiner Zuständigkeit.

Leave a Reply