Entscheidung spielen
4. Dezember 2007
Der Grundkurs Dramatisches Gestalten am Gymnasium Ursberg spielt dreimal im Jahr, alles mögliche und unmögliche an Theaterstücken, mit Hingabe ans Theater Spielen, ansonsten mit einfachen Mitteln, meist nahe am Text des Autors. Meine Lieblingsnummer heuer (vor Lorca und Moliere) war “Der Bruder unseres Gottes” von Karol Woitila (als er noch nicht Papst Johannes Paul II hieß) am letzten Wochenende. So sehr dieser Papst als jemand auffiel, der klare Botschaften zu vermitteln hatte, so sehr ist sein “Jugendstück” unklar, vage und auf der Kippe.
So wie sich Johannes Paul II volksnah gab, so intellektuell dieses Stück. So wie der Papst immer die richtige Geste fand, so fehlt diesem Stück (wenigstens am Anfang) die emotionale Schubkraft, die ein Theaterstück gegenüber einem Vortrag auszeichnet. Andererseits sind die geistlichen Strömungen verarbeitet, die der junge Woitila aufnahm: würde sagen Existentialismus (in christlicher Variante: Personalismus) und, wenn ich das vorsichtig behaupten darf: Psychoanalyse, m.E. auch neuzeitliche Erkenntnistheorie (Gott ist immer Gott für uns, über Gott an sich spreche man besser nicht).
Wenn schon eine Aussage mit diesem Stück verbunden ist, dann die, dass man in der Spannung zwischen extremen Polen sich einrichten müsse und alles Eindeutige falsch ist. So wie es ansonsten Fachpädagogen und Psychoanalytiker sagen (C.G. Jung, Hubert Wisskirchen, Eckhard Frick). Was nicht heißt, dass man sich nicht entscheiden muss und darf: wie in unserem Stück gibt es eine Szene außerhalb Raum und Zeit im Inneren des Menschen, in der dennoch äußere Personen auftreten: ein Aufwärmquartier von Obdachlosen, wo die Hauptperson des Stücks, Adam Chmielowski, mitbekommt, dass sein Weg weg von der Kunst und in die Nähe der Obdachlosen führt. “Der Bruder unseres Gottes” ist nicht Woitilas einziges Theaterstück zu diesem späteren Priester und Ordensgründer, der Mann war ihm persönlich sehr wichtig. Die Szene in der Ursberger Inszenierung hatte was sehr echtes, es sollte doch einmal das Experiment gelingen, das, was noch intensiver als das Handeln ist, das Entscheiden, auch dramatisch als richtig intensiv darzustellen.
Ansonsten zur Inszenierung: kitschiges Bühnenbild im ersten Akt, hätte es geschätzt, wenn statt religiösem Kitsch entweder moderne abstrakte (und somit “geistige”) Malerei gehangen hätte oder Bilder von Chmielowski selbst, an denen man so ein wenig den slavischen Touch sieht (und es gibt auch genügend religiöse Bilder von ihm im Internet, siehe die Quelle für die hier eingebundenen Bilder hier). Georgs Idee noch: die zwei wunderbar nicht-identifizierbaren Synchronstimmen hätten manchmal interessantere Muster laufen können als den Kreis: Mäander, schnelle Nähe-Ferne-Wechsel usw. Zu den letzten 2 Minuten: Das Schlussbild mit dem Kreuz war plötzlich viel intensiver als der Text (so dass ich gar nicht mehr richtig auf den Text aufgepasst habe) – und so hatte es die Wirkung der Indoktrination, was irgendwie das Stück auf den Kopf stellen würde. Ansonsten großes Lob: ein richtig intensives fangt-uns-doch-und-ihr-kriegt-uns-nie.
Illustrierend für mein Lob noch eine Rezension eines polnischen Spielfilms zu diesem Roman (1998), nachdem eine Gratiskopie der italienischen Zeitschrift “Oggi” beigelegen hatte:
Dem Drehbuchautor Wojtyla trauen die Vertriebsstrategen offenbar weniger Zugkraft zu als dem Filmhelden Johannes Paul II. Fast unterwürfig dankte der Produzent des Streifens dem Chefredakteur von “Oggi” für dessen “Risikobereitschaft”. Die 93 Minuten der Kurzfassung erklären warum. Zanussi lag ein Theaterstück vor, kein Drehbuch. “Der Bruder unseres Gottes” ist ein dürres Ideendrama, das der zwanzigjährige Wojtyla 1940 zu schreiben begann und nach seiner Priesterweihe fertigstellte. Es schildert die Wandlung des Malers Adam Chmielowski (1845 bis 1916) vom erfolgreichen Künstler zum Helfer der Armen und Gründer eines Ordens, der heute in Polen 67 Obdachlosenasyle führt. Chmielowskis Vorbild war dem Schauspieler und Autor Wojtyla wichtig für seine eigene Entscheidung, die Kunst aufzugeben und Priester zu werden. Als Papst sprach er den Landsmann heilig. Vieles, was er später in seinen Sozialenzykliken ausbreitet, ist im Kern schon im Drama zu finden.
In übergroßem Respekt vor der päpstlichen Autorität hat Zanussi sich dem hölzernen Plot und den steifen Dialogen ausgeliefert. Wir sehen eine Begegnung des Malers mit Lenin: Soll man die Not der Armen lindern oder besser ihre Wut schüren? Wir sehen Chmielowski in den Armenlagern Polens und, mit gequältem Blick, monologisierend im Atelier. Ende Mai wird der Film in voller Länge festlich in Rom präsentiert wohl ohne Folgen für das Kinopublikum. (Thomas Götz, Berliner Zeitung)
Dem Drehbuchautor Wojtyla trauen die Vertriebsstrategen offenbar weniger Zugkraft zu als dem Filmhelden Johannes Paul II. Fast unterwürfig dankte der Produzent des Streifens dem Chefredakteur von “Oggi” für dessen “Risikobereitschaft”. Die 93 Minuten der Kurzfassung erklären warum. Zanussi lag ein Theaterstück vor, kein Drehbuch. “Der Bruder unseres Gottes” ist ein dürres Ideendrama, das der zwanzigjährige Wojtyla 1940 zu schreiben begann und nach seiner Priesterweihe fertigstellte. Es schildert die Wandlung des Malers Adam Chmielowski (1845 bis 1916) vom erfolgreichen Künstler zum Helfer der Armen und Gründer eines Ordens, der heute in Polen 67 Obdachlosenasyle führt. Chmielowskis Vorbild war dem Schauspieler und Autor Wojtyla wichtig für seine eigene Entscheidung, die Kunst aufzugeben und Priester zu werden. Als Papst sprach er den Landsmann heilig. Vieles, was er später in seinen Sozialenzykliken ausbreitet, ist im Kern schon im Drama zu finden.