Prophezeiung für Russland

23. November 2007

Alexander Schmorell liebte die russischen Menschen und hat seine Freunde dort eingeführt, als sie zusammen an der russischen Front Kriegsdienst taten. Heute fragt man gern, was das für ein Volk sein müsse, das den, der ihm die demokratischen Rechte wegnimmt, mit 70 % Zustimmung wieder wählen würde. Und man denkt, dass Putin schon irgendwie seine eigene Macht sichern wird. Dagegen macht der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowskij im Interview mit stern.de eine ganz andere Voraussage. Im Gegensatz zu mancher anderen politischen Prophezeiung kann ich mir das Interview nächstes Jahr nochmal anschauen und sagen, ob es gestimmt hat. Bin ja gespannt.

Nachdem es lange darum ging, dass Putin sicher nicht am Amt kleben wird, dass er vor allem zwischen den 17 das Land beherrschenden Clans vermittelt hat, gut Kohle gemacht hat, aber es dem Land wie einem Entwicklungsland geht, das nur kurzfristig von den hohen Erdölpreisen profititiert, kommt das folgende:

Hat Putin ihrer Meinung nach Verdienste um Russland?

Auf jeden Fall. Sein größtes ist es, dass er dem Amt des Präsidenten wieder Respekt verliehen hat. Er hat erkannt, dass die Russen einen Zar brauchen.

Das meinen Sie ironisch.

Nein, das ist mein voller Ernst. Ohne einen solchen Führer ist dieses Land unregierbar.

Ist es nicht ein Ammenmärchen, dass Russland für eine westliche Demokratie ungeeignet ist? Die Russen sind doch gebildete und vernünftige Menschen.

Sie können ein System, das über 1000 Jahre bestanden hat, nicht in zehn Jahren ändern. Russland kann nur in einer Art Konstitutionellen Monarchie regiert werden. Das hat Putin erkannt. Seine Politik ist nicht populär – die Bildungsreform nicht, die Sozialreform nicht, die Armeereform nicht. Er hat weder die Stärke noch das Charisma von Jelzin. In jeder Krise hat er sich vor den Entscheidungen gedrückt, beim Untergang des Atom-U-Boots “Kursk” ebenso wie bei der “Nord-Ost”-Geiselnahme oder in Beslan. Trotzdem ist er beliebt. Denn er hat dafür gesorgt, dass das Präsidentenamt unantastbar ist. Niemand darf sich mehr im Fernsehen hinstellen, wie zu Jelzins oder Gorbatschows Zeiten, und den ersten Mann im Staat beschimpfen. Nach russischem Politikverständnis lässt ein wahrer Führer das nicht zu. Die Menschen lieben Putin, weil sie ihn für legitim halten.

Haben Sie schon eine Ahnung, wer sein Nachfolger wird?

Ach, das spielt keine Rolle. Einer aus seiner Mannschaft, der so weitermacht wie er.

Als was für ein Präsident wird Putin im Westen in Erinnerung bleiben?

Das hat er durch seinen Abgang geschickt eingefädelt. Weil er die Macht abgibt, obwohl ihn sein Volk auf Händen trägt, wird man im Westen sagen: Oh! Jetzt hat er doch noch bewiesen, dass er ein liberaler und demokratischer Staatsmann von großem Format ist.

Nebenbei: Peinlich, dass unser ehemaliger Bundeskanzler den Politikwechsel gegenüber Russland und China auf die DDR-Vergangenheit schiebt. Es ist ein Verdienst der Kanzlerin, dass sie daraus gelernt hat (vgl. Kommentar in Frankfurter Rundschau. Auch Schröder war dort am besten und nachhaltigsten, wo er den Mächtigeren gegenüber widerständig war: Irakkrieg). Und: Selbst sollte Russland einen Zaren brauchen, Deutschland braucht keinen.

Leave a Reply