Philosophie der Christen

20. November 2007

Gehört zum Christentum eine Philosophie? Nicht so, dass jeder Christ eine philosophische Position beziehen müsste. Aber für den, der zu philosophieren anfängt, muss sein christlicher Glaube irgendwie vernünftig bleiben, dazu hilft in manchen Fragen die Theologie, in anderen Philosophie. (Illustriend zum Eintrag einige Bilder von David Reed, inspieriert von Barockmalerei und Las Vegas Leuchtreklamen – als gelungenes Beispiel einer Integration von Altem in eine neue Zeit.)

Papst Benedikt hat an prominenter Stelle (Regensburger Rede) darauf verwiesen, dass das Christentum eine Art natürliche Verwandtschaft mit der Philosophie der alten Griechen hat, insbesondere mit Platon – exemplarisch formuliert bei Augustinus (ca. 400). Jahrhunderte lang galt die an Aristoteles angelehnte Philosophie des Thomas von Aquin (von ca. 1250) als Inbegriff des Christlichen und später des Katholischen. Hegel als Protestant versuchte im 19. Jahrhundert einen Gegenentwurf, überhaupt sagt man manchmal, die Protestanten hätten sich die Philosophie der Aufklärung zu eigen gemacht. Wie sah die Situation Mitte des 20. Jahrhunderts aus, als die Scholls zu philosophieren begannen? Ich zitiere Dean Zimmerman, einen christlichen Autor, der mit einem heuer herausgegebenen Sammelband “Persons. Human and Divine” dem Dialog von Philosophie und Theologie einen neuen Schwung geben möchte. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sei eine Zeit gewesen, in der die Mainstream Philosophie überhaupt keinen Platz für religiöse Fragen gelassen hatte.

During the period of positivist rule, an indomitable little group of British philosophers (mostly Anglicans) persevered […] carried on with „philosophical theology as usual“ while also remaining dogged sparring partners with the dominant figures in analytic philosophy. Meanwhile, many Catholic philosophers and theologians looked for alternative philosophical perspectives that seemed friendlier toward theology. The two front-runners were Whitehead’s Process Philosophy and Personalism. For good or ill, both movements have faded almost completely from the philosophical scene. Of course many Catholic philosophers and theologians remained loyal to St Thomas. (Zimmerman, Dean 2007: Three Introductory Questions, p.9 in Zimmerman/ van Inwagen: Persons. Human and Divine)

Vom Whiteheadianismus waren die Weiße Rose Leute wirklich nicht beeinflusst. Wie der Papst heute liebten sie Augustinus, wenigstens Sophie, Hans und Otl. Dass sich Otl Aicher Thomas von Aquin auf eine letztlich sehr konstruktive Weise aneignete, darauf habe ich schon verwiesen: es war die philosophische Durchdringung dessen, was er als Designer umsetzte. Das, was die jungen Leute über Carl Muth aber am meisten beeinflusste war wohl die aus Frankreich kommende Bewegung des Personalismus (Herr Knab gab mir diesen Hinweis, siehe hier): Aus dem Wiki-Eintrag dazu finde ich die Namen Newman und Mauritain in der Lektüreliste der Scholls. Wenn man philosophisch unvoreingenommen sich ein christliches Weltbild aufbauen will, scheinen mir die Thesen des Personalismus, wie sie die Wikipedia-Seite beschreibt, einleuchtend – wenn nicht sogar trivial.

Dem widerspricht die kontinentaleuropäische neuzeitliche philosophische Linie, dass man eigentlich keinen Zugang zur Wirklichkeit hat, dass die Außenwelt nur Erscheinungen sind und dass man nur über seine eigenen subjektiven Zustände Gewissheit haben kann. Der Katholizismus bekämpfte diese Denkart sehr lange, und erst Mitte letzten Jahrhunderts gab es in Deutschland und den Niederlanden einige Versöhnungsversuche (Maréchal-Schule), soweit ich informiert bin, ist Karl Rahner der berühmteste Vertreter dieser Richtung (freilich erst nach dem Krieg), bei ihm kommen auch Heideggersche Einflüsse mit dazu, u.a. Kar(dina)l Lehmann, Ratzinger und Küng sind wiederum seine Schüler. Diese kontinentaleuropäischen neuzeitlichen philosophischen Theologen hat der US-Amerikaner Dean Zimmerman in seiner Kurzgeschichte philosophischer Theologie nicht im Blick, es gibt wohl wenig direkten Kontakt mit der “analytischen Philosophie”, zu der er sich selber zählt. Vielleicht zählt er Rahner und Co. zu den Neuthomisten. Rahners verschaffte sich unter anderem dadurch Ansehen in der innerkatholischen Diskussion, indem er seine neuzeitliche Transzendentalphilosophie als Interpretation des Thomas von Aquin verkaufte. (das ist tendentiös gesagt, präziseres siehe Wiki)

Die neuzeitliche Tradition (und mit ihr die Maréchal-Tradition) hat jetzt aber mit der Personalphilosophie gemein, dass sie beide den Freiheitsbegriff sehr stark machen. Fand im Netz einen Artikel, der die beiden Traditionen, die neuzeitliche und den Personalismus, vergleicht. Dazu also vielleicht bald mehr.

Einen berühmten lebenden Vertreter des Personalismus (nach Wiki), Robert Spaemann, einen begabten Vorleser, der Studenten aller Fakultäten anzog, habe ich in der LMU München noch vortragen gehört. (Ich selber will methodisch anders vorgehen, auch nicht in der Tradition der Marechal-Schule denken, mich eher an einer der Richtungen in Zimmermans Sammelband anschließen.)

Warum stirbt eine philosophische Richtung, die den Weiße Rose Leuten ein denkerisches Rückgrad bot, aus? Warum glaubt niemand mehr daran? Oder: Warum ist Personalismus heute für die akademische Debatte nicht mehr spannend? Auch für mich. Warum?

Seltsamer und kleiner Trost: Das Christentum hat schon mit vielen philosophischen Ansätzen Koalitionen geschlossen, jetzt ist eben eine andere Zeit.

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