Wort ist Währung

6. November 2007

Dichter sein

Entlang dem staunen
siedelt das Gedicht, da
gehn wir hin


Von niemandem gezwungen sein, im brot
anderes zu loben
als das brot

 

Reiner Kunze, deutscher Lyriker, heute 74 Jahre, gilt als jemand, der sich nicht verkauft. Gestern hab ich ihn aus seinen Schriften lesen gehört. Aus einem Interview auf seiner Homepage:

FRAGE: Es ist in der deutschsprachigen Literaturlandschaft eher ungewöhnlich, daß ein Preis zu Lebzeiten eines Autors unter dessen Namen an andere Autoren vergeben wird; Sie selbst waren nicht gerade erfreut über die an sich wunderbare Idee. [...]

KUNZE: Ich war nicht nur „nicht gerade erfreut“, sondern habe den Vorschlag abgelehnt, denn ich hätte vor Scham nicht mehr die Augen heben können, wäre einer meiner Kolleginnen oder einem meiner Kollegen zugemutet worden, einen Reiner-Kunze-Preis anzunehmen.

Unter mancherlei Konditionen stimmte Kunze der Stiftung des Preises zu. Dazu bemerkt er noch:

Auf das ebenfalls eingebrachte Preiskriterium „Poesie als Widerstand“ sollte man künftig verzichten. Poesie ist widerständig in ihrem Wesen. Sie ist immer auf existentielle Wahrheit aus, denn der poetische Einfall ist ein Überlebensakt.

Reiner Kunze, als Student noch SED-Mitglied, schrieb 1973 den meistverkauftesten Lyrikband der DDR (Auflage 30.000), frühere und spätere Bände durfte er nur im Westen veröffentlichen, 1977 emigrierte er, nach der Wende veröffentlichte er aus seinen Stasiakten – der Mann ist kein Politiker und machte keinen politischen Aufstand. Aber er sah, wie die jungen Leute dort im Osten aufwuchsen, das ließ ihn für Freiheit sprechen.

1976 führt die Veröffentlichung des Prosabandes „Die wunderbaren Jahre“ im Westen endgültig zum Bruch. Der Titel spielt auf Truman Capotes „Grasharfe“ an. Der amerikanische Autor erzählt von den wunderbaren Jahren der Pubertät: Alles scheint möglich, Abenteuer locken. Aber was, wenn die erträumte Weltreise an der Mauer endet, Jeans und Nickelbrille oder Straßenmusik verpönt sind? Reiner Kunze erzählt vom Zwang zu Anpassung und Gehorsam. Zahlreiche Gespräche, die er mit Schülern, Lehrlingen, Arbeitern und Soldaten der Nationalen Volksarmee führte, und die Erfahrungen mit seiner eigenen halbwüchsigen Tochter münden in lakonische Texte zum Alltag von Jugendlichen in der DDR. „Friedenskinder“ handelt von Sechs- bis Zwölfjährigen, die Schießen üben, „Federn“ nennt sich der zweite Teil, „Verteidigung einer unmöglichen Metapher“ der dritte, und am Ende steht das „Café Slavia“. (Quelle MDR-Artikel: „Ich war nie ein politischer Schriftsteller“)

Reiner Kunze ist zuerst, wie ich ihn gestern verstanden habe, Dichter von Liebesgedichten (hier und hier sind welche gesammelt). An den Fersen, so der Dichter, klebt ihm die Liebe zu Wort und Sprache. Alles andere, auch der politische Blick, kommt vom liebevollen Blick auf bestimmte einmalige Menschen.

[1975 durfte Kunze offiziell Auslandsreisen aus der DDR machen.] An kulturelle Freiheit glaubte der Dichter trotzdem nicht. Und so legt er gerade in einer Phase, da sich seine Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern schienen, „Die wunderbaren Jahre“ vor. Er sagte: „Ich muss es tun. Ich fürchte, dass die besten Jugendlichen hier zugrunde gehen: Entweder sie werden zu Opportunisten, oder sie resignieren.“ (Zitat MDR)

Jetzt zum obigen Gedicht. Man erwartet immer andere Worte, etwa

Entlang der straße
siedeln die menschen, da
brauchen wir nicht erst hinzugehn


Es ergibt sich selbstverständlich, dass wir am gold
mehr schätzen
als das material und die kunstvolle gestaltung

An all dem ist nichts auszusetzen, aber es ist softes Gelaber, nicht echt gelauscht. Man kann den Wert des Goldes zum Überleben und zur Wohlfahrt der Völker aber durchaus als Dichter ernstnehmen. Nochmal Kunze:

MÜNZE IN ALLEN SPRACHEN

Wort ist Währung

Je wahrer,

desto härter

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