Wie anti-modern war von Galen?
29. Oktober 2007
Unter dem Eintrag: Wer war Kurt Huber? hatte ich eine längere Diskussion mit Jakob Knab, wie die Weiße Rose Mitglieder und insbesondere die Scholl Geschwister in der Tradition der Aufklärung bzw. der Moderne stehen. Bei anderen Leuten des Widerstandes gibt es zu solchen Fragen eine ausführliche Diskussion. Eine Rezension zweier Sammelbände zu Clemens von Galen, Bischof zu Münster, in der FAZ (Hans Maier), schreibt von historisch klaren und einem historisch kritischen Punkt. Ich zitiere:
So weiß man heute, dass Galen in seiner politischen Orientierung ein Zentrumsmann des rechten Flügels war. Man kann ihn jedoch nicht als „Rechtskatholiken“ bezeichnen: Er akzeptierte durchaus die Spielregeln der Parteipolitik und hielt gegenüber adeligen Standesgenossen ausdrücklich an der Legitimität der Weimarer Republik fest. Fest steht auch, dass er zwar dem Laizismus, den er vor allem in der Berliner Öffentlichkeit und in der damaligen Sozialdemokratie wahrnahm, kritisch gegenüberstand, deshalb jedoch keineswegs „die Moderne“ in Bausch und Bogen ablehnte. Im sozialen Chaos der Zeit suchte Pfarrer von Galen seelsorgliche Wege der Hilfe und Befriedung ähnlich denen Carl Sonnenscheins. Auch sein Verhältnis zum Judentum war differenziert, wie die Beiträge von Heinrich Mussinghoff (im ersten Band) und Joachim Kuropka (im zweiten Band) zeigen. Trotz kritischer Äußerungen über einzelne Juden blieb das jüdische Volk für ihn „auch heute noch . . . das auserwählte Volk Gottes“ – von dieser Äußerung des Bischofs im Krieg wissen wir aus Gestapo-Akten.
Galen war 1938 nach der „Reichskristallnacht“ zum öffentlichen Protest bereit, um den ihn die Münsteraner Judenschaft gebeten hatte. Erst nach einem zweiten abratenden Besuch des Rabbiners Steinthal – dieser befürchtete Repressalien – unterließ er diesen Schritt. Ob Bischof Galen freilich den Nationalsozialismus von Anfang an in seiner Gefährlichkeit durchschaut hat, wie Kuropka meint, möchte der Rezensent bezweifeln. Ihn überzeugen eher die Argumente Rudolf Morseys, der auf erwartungs- und verständnisvolle Äußerungen und Gesten Galens aus den Jahren 1933/34 hinweist, die man nicht einfach als Tarnung und Versteckspiel abtun kann.
Trivial erscheint mir heute, dass sich auch die Scholls nach „demokratischen Spielregeln“ sehnten. Was die politischen Ansichten angeht, standen die Scholl-Geschwister nach ihrem Schritt aus der nationalsozialistischen Jugendbewegung wohl nicht weit entfernt von den liberalen Ansichten ihres Vaters. Ohne dass ich es genau sagen könnte, vermute ich, dass auch Karl Muth kein Monarchist war. Und selbst dass van Galen Monarchist war (nach Rudolf Morsey zog er „Staatsautorität und Kriegsdienst unter NS-Flagge“ „nicht in Zweifel“), hinderte ihn nicht am Widerstand.
Das besondere der Widerständler: Die Liebe zur Gerechtigkeit, die Sorge um alle Menschen, besonders die mit Handicap. Hier noch das Fazit von Hans Maier:
Fazit: Der „Löwe von Münster“ war gewiss kein Musterrepublikaner, kein Musterdemokrat. Er hat seiner Zeit, ihren Ansichten und Vorurteilen – wie viele Persönlichkeiten des Widerstandes (und wie wir Heutigen nicht minder) – seinen Tribut gezahlt. Dennoch hat er im entscheidenden Moment mit großem Mut das Rechte getan, allen Beengungen zum Trotz. Ist das so wenig? Man sollte auf jeden Fall seine Taten bedenken und würdigen, ehe man sich eilfertig anschickt, ihn wegen seiner Ansichten vom Sockel zu stoßen.
Zu von Galen auch den Wiki-Eintrag, sehr liebenswert für jemand, der schon an seinem Grab war, seine Worte nach dem Krieg:
Am 18. Februar 1946 wurde er von Papst Pius XII. als Kardinalpriester mit der Titelkirche San Bernardo alle Terme in das Kardinalskollegium aufgenommen. Die überraschende Ernennung dreier deutscher Bischöfe (Joseph Frings, Clemens August Graf von Galen und Konrad Graf von Preysing) zu Kardinälen kommentierte von Galen so:
„Der Heilige Vater hat damit anerkannt, daß nicht alle Deutschen vollzählig der Verdammung unterliegen, die die Welt gegen sie aussprechen wollte. Vor aller Welt hat er als übernationaler und unparteiischer Beobachter das deutsche Volk als gleichberechtigt in der Gemeinschaft der Nationen anerkannt, …“ (Predigt in Rom am 17. Februar 1946)
Bei Besuchen von Kriegsgefangenenlagern im Raum Tarent und Bari vom 26. Februar bis 2. März 1946 erwähnte von Galen in Ansprachen seine Todesahnungen. Der ihn begleitende Domkapitular berichtet den Satz: „Meine Zeit ist bald vorbei, und wenn ich dort oben bin, wendet euch nur an mich.“ Bei seiner Rückkehr nach Münster am 16. März 1946, seinem 68. Geburtstage, wurde ihm ein großer Empfang bereitet. Die Stadt Münster ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger. In einer Dankansprache auf dem Domplatz vertrat er die Ansicht, Zustimmung und Haltung der Gläubigen hätten ihm erst seinen Kampf ermöglicht, ihm aber auch – wie er mit großer Bewegung und versagender Stimme ausführte – die Krone des Martyriums versagt.
29. Oktober 2007 at 3:03
„Ohne dass ich es genau sagen könnte, vermute ich, dass auch Karl Muth kein Monarchist war.“
Antwort: Carl Muths vorrangiges Interesse, so denke ich, galt nicht einem politischen, sondern dem religiösen Katholizismus.
„Hochland“, dessen Profil katholischer Konservativismus gepaart mit christlicher
Sozialverantwortung prägte, stellte sich im Sinne des „Vernunftrepublikanismus“ entschiedener als andere katholische Zeitschriften auf die Seite der Republik.
Gleichzeitig äußerte die Zeitschrift Kritik am Parteienstaat und sympathisierte gegen Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus mit korporativ-ständestaatlichen Ideen und einem konservativen Europagedanken. http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44729?pdf=true
1927 erschien für den 60-jährigen Carl Muth eine Festschrift, die einen anschaulichen Einblick in die damaligen geistige Lage vermittelt. Der Hochlandkreis knüpft an die Romantik an und hofft auf einen „Danteschen Geist“. Der Vordenker der „Konservativen Revolution“ Carl Schmitt (FS, S. 338 – 373) lässt damals schon wissen, „jetzt gebe es nur noch einen Weg der Rettung: die Diktatur.“ (S. 373)
Seit 1931, parallel zu kirchlichen Stellungnahmen nach den Wahlerfolgen der NSDAP 1930, bezog Hochland Position gegen den Nationalsozialismus und brach 1932 klar mit den Denkern der „Konservativen Revolution“. Nach 1933 erachtete es die Zeitschrift als zentrale Aufgabe, die nationalsozialistische Ideologie zurückzuweisen und zu überwinden, doch konnte die Kritik nicht mehr offen, sondern nur indirekt, z.B. über ästhetische oder geschichtliche Anspielungen vorgetragen werden (Zitat 1939 in Analogie zum obligatorischen Hitlergruß: „Sie rufen Heil, Heil, wo doch kein Heil ist“). http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44729