Typisch für Weiße Rose Filme und Theaterstücke ist die Willkommens- und 21.Geburtstagsparty für Sophie Scholl, als sie im Mai 1942 in München ein Studium beginnt. Interessant, auf einem neuen Hörbuch zu hören, dass das heißersehnte Studium für Sophie wohl mindestens in der ersten Zeit eine herbe Enttäuschung war. Dass sie gerade mal in die Vorlesungen ging, aber nicht viel für die Uni unternahm. Von der Studentin ist nicht überliefert, dass sie eine biologische Tätigkeit faszinierte – so wie sie als Schülerin einmal das Sezieren eines Fisches im Tagebuch schildert. Erst im zweiten Semester, gleichzeitig mit wildesten Plänen für Flugblattaktionen, klingt es durch ihre Briefe durch, dass sie ein philosophisches Uni-Buch fasziniert: Leibnizens Theodizée.

Von einem Hörbuch „Harter Geist und weiches Herz. Das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose“ erwartete ich eigentlich nicht, dass es nicht die Geschichte des Freundschaftsbundes erzählt. Sondern ich erwarte, dass experimentell ausprobiert wird, was bei den gelesenen Autoren, gesehenen Künstlern, gehörten Zeitgenossen intellektuell mitzunehmen war – so dass man es heute selber so mitnehmen kann. (Etwas ähnliches wie das Theaterstück schreiben.) Dass so ein Hörbuch das Feeling der Arbeit an der Theodizee durch wohlausgewogene Zitate Leibnizens und den Freunden bekannten Deutern, Haecker und Kurt Huber, deutlich macht. Wohl ein übertriebener Anspruch und zudem einer, der dem Ideal der Geschichtswissenschaften, die nach Objektivität streben, kaum entspricht.

Interessanterweise wird Barbara Ellermeier (Foto oben), die Hörbuchautorin und gelernte Historikerin, meinem Anspruch gerade da gerecht, wo es um eine historische Schrift geht: Alfred von Martins Buch über „Burkhardt und Nietzsche“. Mit Spaß und präzisen Zitaten wird hier aufgezeigt, dass und wie in einem Buch voller Zitate längst verstorbener Menschen tatsächlich über aktuelle Politik geredet wird.

Theodor Haecker über ein paar sarkastische Stelle einzuführen, hat etwas für sich. Es gewinnt einen für den Mann. Auch mir ist Haeckers Sprache und mancher seiner Gedanken schwer zugänglich. Die inhaltlichen Dinge werden leider nur zusammengefasst und statt weiterer Zitate wird zweimal geschildert, welch eindrückliche Erscheinung Haecker war. (Diese Schilderungen kannte ich halt leider schon.) Wenn man Umberto Ecos „Im Namen der Rose“ jüngst als Hörbuch hörte, könnte man meinen, diese ganzen apokalyptischen Vorstellungen, dass man eine Person mit dem Bösen und Antichristen identifiziere, seien einfach Esoterik – bestenfalls Esoterik für Intellektuelle. Aber die Rede davon war Inhalt der ersten Flugblätter und diese Sprache ist die Haeckers! Ich weigere mich zu behaupten, dass der große Haecker mit seiner Apokalyptik Unrecht hatte oder dass Schurik Schmorell und Hans Scholl das nur unbedacht nachgeplappert hätten oder dass es für heute keine Relevanz hat – nur weil ich es nicht verstehe. Das Hörbuch lässt das Thema beiseite, o.k. zur Verfügung standen 150 Minuten, dabei ist ein ein Augenmerk gerichtet auf einprägsame Wiederholungen der wichtigsten Inhalte und eine eingebundene Geschichte der weißen Rose, da kann man nicht tiefer bohren. Als Einführung ist es beachtenswert, zudem finden sich einige noch nicht gesehene Fotos im Booklet.

 

Was fehlt ist die Darstellung des intellektuellen Umfeldes ist der Stumpfsinn der Intellektuellen der Nazizeit und das Fachidiotentum, das es zu allen Zeiten gibt. Prinzipiell eine gute Wahl, dies im Buch nicht zu sehr zu betonen. Man kennt die Sprachaufnahmen aus der Hitlerzeit nur zu gut. Ich hätte Haeckers Entlarvung der Stimme des Radio-Ansagers trotzdem in ein Hörbuch mit aufgenommen.

Was weiter fehlt ist eine Stichprobe der schönen Literatur oder der Poesie, die damals begeisterte. Auch ein riskantes Unterfangen, vielleicht bräuchte ein angemessenes Zitat zu viel der geplanten Zeit. (Mich aber haben Bernanos und Dostojewski begeistert, zu Thomas Mann, Claudel oder Goethe hätte man widersprüchliche Meinungen im Freundeskreis aufzeigen können.)

 

Fast schon zuletzt gesagt: auf diesen zwei CDs sind immer wieder liebenswerte Entdeckungen zu finden. Ein Beispiel (und selbst für mich ein bisschen neu) ist die Beschreibung der Versandt-Buchhandlung Rieck in Aulendorf, die erst zur Nazizeit aufmachte (und noch heute existiert, siehe hier). Wunderbar, dass ein Mensch so genau wissen kann, was er will, und es dann einfach nach Plan tut. Dass Schriftsteller so sind ist viel leichter verständlich, aber so sind auch gewerbetreibende Leute. Die Intelligenz, die man sucht. In diesem Sinne auch der Verlagsmannschaft von auditorium-maximum, die es sich zum Ziel gemacht hat, Philosophiebücher einen harten Geist (Bestellungen kann man hier vornehmen, herzliche Postkarten gibt es gratis dazu. Dass es jemand Geschmack für ein intensives philosophisches (und doch praxisrelevantes) Studium gibt, ist zu wünschen.)

 

P.S.: Auch den besten Detektiven passieren Fehler. Natürlich war Carl Muth in die Geschichte mit den Flugblättern am Ende eingeweiht. Der Mann ist als Schriftleiter, der u.a. die Sprache eines Max Scheler verbessert hat, ein Meister der Sprache und so einer sollte Texter und Personen, denen er begegnete, am Stil wiedererkennen. (Wenn schon der Schüler Hans Hirzel, der ein, zweimal den Hans Scholl getroffen, den Stil der Flugblätter erkennt.) Dass Muth am Tag der Verhaftung der Geschwister Scholl tatsächlich einen Flugblattentwurf in der Schreibtischschublade hatte, weiß ich aus privater Korrespondenz.

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