Ein Anderer werden

14. September 2007

Man wird dadurch man selber, indem man ein anderer wird.

The only way a person can become himself is by becoming someone else.

Ein Satz für Theaterspieler, deshalb nochmal, jetzt als Buchzitat:

One cannot become oneself unless one becomes somebody else.

Botschaft meiner letzten beiden Romane. „Das schwarze Buch“ von Orhan Pamuk und Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“. Bei Pamuk wird Galip (gute 30 Jahre) ein hochgeschätzter Zeitungsschreiber, sein verehrter Onkel, Vorgänger und Wegbereiter, muss da quasi automatisch an Gedächtnisschwund leiden und schließlich sterben. Merciers Held, Raimund Gregorius tritt in die Freund- und Feindschaften eines seit 30 Jahren verstorbenen Mannes ein, nachdem er nach Lissabon gefahren ist.

Meine Lieblingsgeschichte dazu, dass jemand ein anderer wird, um er selbst zu sein: Der Kriminelle, Rambert, in Albert Camus „Die Pest“. Als die Pest ausbricht, die Quarantäne über die Stadt verhängt ist und Hilfskräfte organisiert werden, ist er vorbildlich und couragiert dabei. Als dann die Seuche überwunden ist, interessiert sich die Polizei wieder für ihn und er stürzt ab.

Ich bin nicht sicher, ob man wirklich ein anderer werden muss, um man selbst zu sein. (In den literarischen Vorlagen stimmt zum Beispiel immer etwas in den engsten Beziehungen der Protagonisten nicht. Wer Familie und kleine Kinder hat, tut das vielleicht sowieso.) Aber für diesen Text nehme ich diesen Satz jetzt mal an.

Wenn es stimmt, dass man man selber wird, wenn man ein anderer wird, dann gibt es Erbschaften im Geistigen, eine Art Charakterweitergabe an die nachfolgende Generation. Nicht so, wie sich die Charaktere der Eltern in ihren Kindern spiegeln. Sondern eher so, wie Elija einem wildfremden Mann auf Gottes Befehl hin seinen Prophetenmantel umwirft: der Getroffene – wir kennen ihn als Elischa – weiß, was er zu tun hat. Und er wird nach dem Tod seines Lehrers noch größere Wunder vollbringen. Ob die Kraft des Elija noch einmal eine Generation weiter getragen wurde, wissen wir nicht. Der Volksglaube meint noch zur Zeit Jesu, dass in ihm oder in Johannes dem Täufer der Geist des Elija wiedergeboren wurde.

Der andere, der ich werden kann, lebt oder lebte so konkret wie der Schatz im Acker. Das Faszinierende an Merciers Gregorius ist, wie er nach diesem Schatz gräbt. Das faszinierende an Pamuks Galip ist, mit welcher Akribie er in den Aufzeichnungen seines Vorgängers forscht, wie er nach seinem Schatz sucht (und gleichzeitig scheinbar nur seine Frau mit Namen „Traum“ („Ryia“) sucht). Habe „Der ewige Gärtner“ weder gesehen noch gelesen, aber es muss auch eine derartige Geschichte sein. Welches Erbe habe ich anzutreten?

Es muss auch mir nicht ganz klar sein. Und wenn es dann klarer wird, ist es ganz leicht. So leicht, wie Rupprecht Geigers großflächige Farben – er muss nicht wie van Gogh zeichnen können. Aber es wird hohe Kunst – so darf ich hoffen.

P.S.: Eine bemerkenswerte Interpretation des Schwarzen Buches von Bernt Brendemoen, die Pamuk in der Sufi Tradition sieht, (aber dennoch nichts daran ändert, dass das Buch recht feuilletonlastig ist) deutet unseren Satz wie folgt:

Although this paradox is not explained fully in the novel, it should perhaps be interpreted in the following way: By losing oneself in the love for another person one becomes that person, but because of the intensity of this feeling and the synthesis „you — I — love“ one also realizes one’s own potential. The interpretation „self realization through love“ is supported by the sentence „The key is love“, which appears somewhat unmotivatedly in another chapter in the book. But there is another theme, parallel to this, which is the notion that one can become oneself by telling stories. When Galip finally feels that he is himself, this occurs while he is telling the story about a prince „who had discovered that the most important question in life is whether a person can be himself or not“. The interpretation of these two themes as general „messages“ from the author implies certain logical difficulties I shall not go into here. On the whole, the „message“ „one cannot become oneself unless one becomes somebody else“ is perhaps so contradictory that it should be interpreted to the effect that searching for oneself is actually futile because the „pure self“ liberated from all exterior influence simply cannot be found. [...]


Leave a Reply