Pascals Maschine
30. August 2007
Für Zeiten, in denen man Klarheit bracht, empfehle ich, (wenn man nicht in eine Kathedrale gehen kann) sich Blaice Pascals (1623-62) Aufzeichnungen zu verlinken (oder die Pensées im Orignial nachzulesen). Mit klare Worte meine ich eindeutige Worte, so wie in den Märchen, aber doch Theorie. Zum Beispiel:
Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen nachzujagen. Das ist selbst das Vergnügen der Könige. (Pensées, 40)
Der Ball und der Hase, dem Pascal drei Jahre nachjagte, war eine Rechenmaschine, ein früher Vorläufer der heutigen Computer (siehe Bild). Eine große Erfindung. Descartes dachte damals, alles außer dem menschlichen Geist sei Maschine, sogar der menschliche Körper und die Tiere. Der erste Rechenmaschinenbauer Pascal reflektierte über unser Verhältnis zur Maschine, es könnte auch nach Darwin geschrieben sein:
Denn man darf sich nicht täuschen: wir sind ebenso sehr Maschine wie Geist, deshalb ist das Mittel zu überzeugen nicht allein der Beweis. Wie wenig bewiesene Dinge gibt es. Die Beweise überzeugen nur die Vernunft; die Gewohnheit macht unsere Beweise stärker und deutlicher, sie richtet die Maschine aus, die den Geist, ohne das er es merkt, mit sich zieht. Wer hat bewiesen, dass morgen Tag sein wird und dass wir sterben werden, und was wäre handgreiflicher? Folglich ist es die Gewohnheit, die uns zum Glauben bringt, sie macht so viele zu Christen, sie macht zu Türken, Heiden, sie macht die Berufe, zu Soldaten usw. (Der Glaube, den man in der Taufe empfing, macht mehr zu Christen als zu Heiden.) Also muss man, wenn der Geist einmal einsah, wo die Wahrheit ist, auf die Gewohnheit zurückgehen, um uns von dem Glauben, der uns ständig entschlüpft, färben und grundieren zu lassen, denn es ist fast unmöglich, die Beweise immer gegenwärtig zu haben. Man muss einen leichteren Glauben haben, und das ist der, der in die Gewohnheit einging, der uns ohne Zwang, ohne Kunst, ohne Gründe glauben lässt und unsere ganze Vernunft unter diesen Glauben beugt, so dass sich unsere Seele völlig natürlich darin verfängt. Es genügt nicht, wenn man nur gläubig ist durch die Kraft der Überzeugung, und wenn die Maschine geneigt bleibt, das Gegenteil zu glauben. Folglich muss man beide Hälften glauben machen: den Geist durch die Gründe, die man nur einmal im Leben eingesehen zu haben braucht, und die Maschine durch die Gewohnheit und dadurch, dass man sie hindert, sich dem Gegenteil zuzuwenden. Inclina cor meum, Deus [Psalm 69, 36]

Die Vernunft handelt langsam, sie braucht soviel Gesichtspunkte, soviel Grundsätze, die immer gegenwärtig sein müssten, so dass sie, da sie nicht immer alle Grundsätze gegenwärtig hat, müde wird oder sich verirrt. Das Gefühl handelt anders: es handelt im Augenblick und ist immer bereit zu handeln. Folglich muss man den Glauben im Gefühl verankern, sonst wird er immer schwankend sein. (Pensées, 252)
Man kennt das. Ich interessiere mich unter anderm deshalb nicht für Autos, weil ich sie kaum auseinanderkenne. Und deshalb glaube ich auch nicht an Autos. Das schlimme an der monotoner Fabrikarbeit ist, dass einem das Stumpfe zur Gewohnheit wird. Das Schlimme am tätigen Soldatendienst ist, dass man zum Krieger wird: beide Schollgeschwister klagten über die „Kriegsmaschine“.

Dann aber auch andersherum. Ans Musikmachen muss man sich gewöhnen, man muss üben. Zum Muslimsein gehört die Übung, mehrmals am Tag Richtung Mekka zu beten. Etwas Ähnliches – etwas flexibler gestaltbar – gehört zum Christsein. Auch viele andere Gewohnheiten, für viele Leute auch die, sich ab und zu im himmlischen Licht eines Doms zu finden. Aber über allem der aufgeklärte menschliche Geist, der mindestens einmal die Sache ernsthaft durchgegangen ist.
(Peter Bieri hat sich nicht zufällig den Pseudonym Vornamen Pascal zugelegt. Die fiktiven Aufzeichnungen des Amedeu Prados im Nachtzug nach Lissabon ähneln in ihrer Skizzenartigkeit denen des Blaice Pascal. Außerdem hat auch Bieri seinen Helden die Sache mit der Gott gut durchdenken lassen: Prado faszinieren die Kathedralen, aber der biblische Gott steht zu sehr auf der Seite der Grausamkeit.)