Das Leben als Zugfahren (Bieri, Eich)
16. August 2007
Ich kenne ja die Zugstrecke von Ulm nach München, vor allem jenes Stück ab Dinkelscherben, das auch die Schollgeschwister oft genug gefahren sind. Mit dem leeren Koffer wolle sie Wäsche von zuhause abholen, so log Sophie beim Verhör. Ich kenne in der Weißen Rose Literatur keinen Vergleich zwischen Zugfahrt und Leben. Andererseits liegt das in der Luft:
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Diese Zeilen aus Rilkes berühmten Gedicht „Der Panther“ beziehen sich aufs Eisenbahnfahren, eine große technische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, so wie die Dampfmaschine und der Fotoapparat, von der die beiden anderen Strophen hintergründig handeln. Zugfahren als Bild dafür, dass man nicht mehr die wirkliche Welt wahrnimmt, nicht mehr das wirkliche Leben lebt. Furchtbar wird die Geschichte in den Träumen bei Günther Eich, darin eine kurze Szene, in der eine Familie in einem seit 40 Jahren verriegelten Güterwagen durch die Welt reist. Sten Nadolnys Netzkarte habe ich leider nicht gelesen. Peter Bieri schreibt im „Nachtzug nach Lissabon“ nüchterner vom Zugfahren. Was bei Eich noch skuril wirken sollte, ist bei Bieri eine nüchterne Lebensanalyse geworden – der Zugfahrer (Sisyphos) wurde bei ihm fast ein glücklicher Mensch. Eine Rezension in der Zeit führt zunächst ein und zitiert dann Bieri (der angeblich den Autor Prado zitiert) so:
Der Nachtzug, der [den Protagonisten] Gregorius nach Lissabon brachte und von dort wieder zurücknimmt ins behäbige Bern, lässt sich als Metapher für die gesamte Lebensreise begreifen, die jeder, auch der, der lieber unerkannt bleiben möchte, anzutreten hat. Prado, dem Mercier seine eigenen Einsichten so kunstvoll einflüstert, dass sie sich umstandslos an den Leser weitergeben, notiert unter der Überschrift Ich wohne in mir wie in einem fahrenden Zug: »Ich bin nicht freiwillig eingestiegen, hatte nicht die Wahl und kenne den Zielort nicht. Eines Tages in der fernen Vergangenheit wachte ich in meinem Abteil auf und spürte das Rollen. Es war aufregend, ich lauschte dem Klopfen der Räder, hielt den Kopf in den Fahrtwind und genoß die Geschwindigkeit, mit der die Dinge an mir vorbeizogen. Ich wünschte, der Zug würde seine Fahrt niemals unterbrechen. Auf keinen Fall wollte ich, daß er irgendwo für immer hielte.«
Je länger die Fahrt allerdings dauert, desto unruhiger wird der Reisende, er bekommt eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn ihm sein Stündlein schlägt und die Reise abrupt endet: »Manchmal bekomme ich Besuch im Abteil. Ich weiß nicht, wie das trotz der verriegelten Tür möglich ist, aber es geschieht. Meist kommt der Besuch zur Unzeit. Es sind Leute aus der Gegenwart, oft auch aus der Vergangenheit. Sie kommen und gehen, wie es ihnen paßt, sie sind rücksichtslos und stören mich. Ich muß mit ihnen reden. Es ist alles vorläufig, unverbindlich, dem Vergessen vorbestimmt … Die Reise ist lang. Es gibt Tage, wo ich sie mir endlos wünsche. Es sind seltene, kostbare Tage. Es gibt andere, wo ich froh bin zu wissen, daß es einen letzten Tunnel geben wird, in dem der Zug für immer zum Stillstand kommt…« [vgl. S. 423ff., ausführlicheres Zitat hier]
Zusammenfassung von Bieris Buch hier, Zitatensammlung hier, Mona Lisa Blog dazu hier.
Radfahren ist besser als Zugfahren. Laufen noch besser.
Je länger die Fahrt allerdings dauert, desto unruhiger wird der Reisende, er bekommt eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn ihm sein Stündlein schlägt und die Reise abrupt endet: »Manchmal bekomme ich Besuch im Abteil. Ich weiß nicht, wie das trotz der verriegelten Tür möglich ist, aber es geschieht. Meist kommt der Besuch zur Unzeit. Es sind Leute aus der Gegenwart, oft auch aus der Vergangenheit. Sie kommen und gehen, wie es ihnen paßt, sie sind rücksichtslos und stören mich. Ich muß mit ihnen reden. Es ist alles vorläufig, unverbindlich, dem Vergessen vorbestimmt … Die Reise ist lang. Es gibt Tage, wo ich sie mir endlos wünsche. Es sind seltene, kostbare Tage. Es gibt andere, wo ich froh bin zu wissen, daß es einen letzten Tunnel geben wird, in dem der Zug für immer zum Stillstand kommt…« [vgl. S. 423ff., ausführlicheres Zitat
30. August 2007 at 6:22
[...] zufällig den Pseudonym Vornamen Pascal zugelegt. Die fiktiven Aufzeichnungen des Amedeu Prados im Nachtzug nach Lissabon ähneln in ihrer Skizzenartigkeit denen des Blaice Pascal. Außerdem hat auch Bieri seinen Helden [...]