Inge Scholl, Fritz Hartnagel und Otl Aicher engagierten sich nach dem Krieg sehr in der Friedensbewegung: gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Stationierung von Atomwaffensprengköpfen, dass heute immer noch Ostermärsche stattfinden ist ein Überbleibsel dieser Bewegung.

Großes Aufbegehren des Volkes in internationalen Dingen gab es zuletzt beim Begin des Irakkrieges, und nun wieder, wenn die Großen Acht (G8, die aber tatsächlich nicht mehr die größten 8 Volkswirtschaften der Welt sind) sich im Ostseebad Heiligendamm nahe Rostock treffen. Worum geht es den Globalisierungskritikern, die dort auftreten? Als allgemeine Antwort auf diese Frage verweise ich auf zwei Blogs, einen mehr inhaltlichen und einen mehr praktischen mit Grönemayer auf der Frontpage.

Mich interessiert der Skandal der Armut.

Unsere Weltordnung spiegelt [...] die Verhandlungsmacht der verschiedenen Staaten und Firmen wieder. Sie berücksichtigt die Interessen derer, die wirtschaftliche oder militärische Macht kontrollieren. Die Menschen im ärmsten Viertel verfügen über ein halbes Prozent des globalen Sozialprodukts, haben kein ernst zu nehmendes Gewaltpotential, sind meist durch frühkindliche Unterernährung auf Lebenszeit geistig und körperlich geschwächt und oft nicht einmal im Lesen und Schreiben ausgebildet. Die Interessen dieser Menschen werden einfach ignoriert und ihr Elend fortgesetzt. Moralisch jedoch zählen die Interessen eines jeden Menschen gleich. So abstrakt, als philosophisches Postulat, wird man mir das gern zugeben. Aber die politischen Folgen dieses Zugeständnisses sind revolutionär. Wenn die Weltgesellschaft wirklich moralisch verpflichtet ist, sich eine Ordnung zu geben, die die Interessen aller gleichermaßen berücksichtigt, dann ist die bestehende Ordnung ein Massenmord. 200 Millionen Armutstode seit Ende des Kalten Krieges, von denen die meisten durch institutionelle Reformen leicht hätten vermieden werden können.

Ich zitierte Thomas Pogge (Foto), Professor an der California University, der pünktlich zum deutschen G8-Gipfel eine Universitätstour durch Deutschland macht. Ich habe ihn am Mittwoch gehört. Er sprach da nicht von Massenmord, er nimmt das Wort auch im oben zitierten Interview zurück

es fehlt ja die Absicht, diese Menschen umzubringen – ihr Tod ist bloß Nebeneffekt unserer Politik. Wir wollen bei uns Arbeitsplätze bewahren, unseren Anteil am globalen Wirtschaftswachstum so groß wie möglich haben. [...] Trotz gutem Weltwirtschaftswachstum ist, laut Weltbank, die Zahl der Armen in den 13 Jahren seit Ende des Kalten Krieges nicht zurückgegangen. Das ist nicht gewollt. Aber man weiß es, und nimmt es in Kauf.

Aber er sagt, dass man mit Klugheitüberlegungen Afrika gegenüber nicht weiter kommt. Wir haben nichts davon, wenn es Afrika besser geht. Einzige Ausnahme: Wir brauchen Afrikas Bodenschätze, ohne sie ginge es Europa schlecht. Also tut man nichts dagegen, dass in diesen Ländern so korrupte Strukturen herrschen, dass man sich diese Rohstoffe billig sichern kann.

Pogge vertritt (gegen wichtige Globalisierungs-kritiker wie Sacks), dass man mit Klugheitsüberlegungen weder dafür argumentieren kann, sich in Afrika zu engagieren, noch dass sich ein Engagement aus Klugheitsüberlegungen positiv für die Menschen dort auswirken könnte. Das einzige, was helfen kann, ist dass wir uns aus moralischen Gründen engagieren: weil so und so viele Leute verhungern und weil eigentlich jeder Mensch gleich ist. Nicht nur “eigentlich” gleich: Jeder Mensch hat die gleichen Grundrechte und -pflichten. (Ich glaube, so jemand wie den Thomas Pogge hätten die Weiße Rose Leute geschätzt: sie haben letztlich nicht deshalb das Lebensrisiko auf sich genommen, weil es klug gewesen wäre, hätte Hitler den Krieg aufgehört. Sondern aus moralischen Gründen, weil es Unrecht war.) Ich weise aber darauf hin, dass eine solche These überhaupt nicht selbstverständlich ist: Dr Nüsslein, MdB hat uns gegenüber wiederholt vertreten, dass man mit Moral nicht für Entwicklungspolitik argumentieren dürfe.

Aber wenn Pogge recht hat, dann ist das Anlass zur Meditation: Man sollte sich also regelmäßig das Menschenrecht auf Nahrung klar machen, was man dafür nicht zulassen will, wem man deswegen keine Ruhe lassen sollte … zuallererst sich selber (… die Milleniumsziele sind eine Lüge, die Halbierung der Armut gegenüber 1990 ist faktisch eine Reduzierung um 19 % usw./ und überhaupt: Warum hat Roosewelt 1944 nicht gesagt, wir versuchen zu erreichen, dass es bis 1971 nur noch halb so viele KZs gibt?)

Theodor Haecker sagt im Motto zu unserem Theaterstück, dass es lang braucht, vom darüber Nachdenken dazu zu kommen, dass man weiß, was man tun soll. Bin noch mitten in dieser Phase. Und dann braucht es nochmal lang, bis man es endlich tut. Der Punkt an seinem Zitat ist aber: es ist das “Unwiderrufliche”: natürlich ist es das Unwiderrufliche, dass es nicht geht, dass über eine halbe Milliarde Menschen hungert. (Handlungsvorschläge in Pogges Buch, das im Dezember auf Deutsch erscheinen wird: World Poverty and Human Rights)

One Response to “Wären die Scholls zum G8 Gipfel gegangen?”

  1. fangtunsdoch Says:

    Zur Titelfrage dieses Eintrags: Julia Jentsch, die Darstellerin der Sophie Scholl im jüngsten Spielfilm hat es (wiederum filmisch) schon nach Heiligendamm geschafft. In einem Fernsehfilm in Zusammenarbeit mit “Deine Stimme gegen Armut”, siehe:
    http://www.deine-stimme-gegen-armut.de/blog/?p=131
    Dienstag, 20:15 SAT1. Wer kuckt es sich an?


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