Die am wenigsten schlechten Götzen suchen
17. Mai 2007
Noch einmal ein Eintrag zu Simone Weil, neben Sophie Scholl und Kurt Huber die einzige Philosophin im Widerstand gegen Hitler, die ich kenne. Simone Weil spricht davon, dass das Leben des Menschen ein Leben in der Höhle ist. Ein Leben im Dunkeln, Begrenzten. Als späte Schülerin Platons meint sie mit der Höhle die recht beschränkte Erkenntnis des Menschen: Man erlebt das Leben wie einen Film, fasziniert von dem, was da vorne läuft, hat man längst vergessen, dass es nicht die Wirklichkeit ist, dass man ja eigentlich einen Bewegungsspielraum hätte, dass man auf der Leinwand nur Abbilder von Abbildern sieht.
Wer wirkliche Erziehung genießt, der hat unter Schmerzen gelernt, dass er sich vom starren Blick auf die Leinwand lösen kann, dass er nicht die Wirklichkeit sieht, sondern die Projektion einer Filmrolle oder einer DVD. Seltsamer Zustand, den man so erreicht hat: Vorne auf der Leinwand läuft das interessantere Programm, aber eigentlich weiß man, es ist nicht echt. Ob man auch noch glauben soll, dass es außerhalb der Höhle die wirklichen Dinge gibt, und dass man eigentlich mit ihnen umgehen könnte? Dass es dort eine Sonne gibt, deren Licht die Grelle des Projektors noch weit übertrifft! (Das ist Platons Mythos, der die Frage beantwortet: “Was ist der Mensch?”, siehe Eintrag hier.)
Ich zitiere einen Tagebucheintrag, also einen Entwurf und eine Selbstanalyse, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist:
Triebkräfte
Die Gedanken sind wechselhaft, gehorchen den Leidenschaften, den Launen, der Müdigkeit. Die Tätigkeit muss beständig sein, jeden Tag, viele Stunden am Tag. Man braucht also Antriebe für die Tätigkeit, die sich den Gedanken entziehen, also den Verhältnissen; absolute Antriebe; Götzen.
Die am wenigsten schlechten Götzen suchen.
Wenn keine Götzen da sind, muss man sich oft, jeden oder fast jeden Tag, ins Leere hinein abmühen. Ohne übernatürliches Brot ist das unmögliche.
Der Götzendienst ist also in der Höhle eine Lebensnotwenigkeit. Selbst bei den besten ist es unvermeidlich, dass er dem Verstand und der Güte enge Grenzen setzt.

Wieder ein Eintrag, der sehr an Sophie Scholl erinnert: der Kampf gegen die eigene Stumpfheit, das Hadern mit den Kompromissen, eine große Entschlusskraft und der Verweis auf das übernatürliche Brot. Aber ganz ungeachtet dessen, er ist einfach gut beobachtet (und hilft mir vielleicht erklären, warum ich mich so auf den Gottesdienst am Sonntag freue).

P.S.: Die Bilder von Dieter Mammel, die ich in diesem Eintrag zeige, haben etwas Verstörendes ebenso wie Weils Texte.