Mit dem Leben spielen
29. März 2007
Mit dem Leben spielen – das tut nicht nur der, der Russisch Roulette spielt, der Soldat und der Widerständler gegen eine Diktatur. Es tun auch Theaterspieler und überhaupt Leute, die mit der Freude eines Spiels an alles herangehen, was sie tun. Zum Beispiel die genauen Beobachterinnen der Natur. War sehr happy, als ich zwei Jahre nach der Lektüre von “Der freie Fall der Spottdrossel” einen Vogel sah, der irgendwo bei mir den Wohnblock herunterfiel und erst kurz vor dem Boden die Flügel aufspannte, um dann sanft zu landen. Vielleicht (nur) eine beinahe mißglückte Flugübung eines Jungvogels, der gerade aus dem Nest geworfen wird. Annie Dillard, die Autorin des Buches, damals noch keine 30 Jahre, hat in ihrer TBC-Rekonvaleszenz ein Jahr zum Spielen geschenkt bekommen, sie spielt Beobachterin der Natur. (Es scheint, dass diese Krankheit auch mit ihrem Leben gespielt hat.) Zitiere einen Text zum Abgrund des Spielens (aus “Der freie Fall der Spottdrossel”, S. 290), der Text erinnert mich an Sophie Scholls Tagebücher:
Thomas Merton schrieb: „Es besteht immer eine Versuchung, mit dem kontemplativen Leben zu spielen, indem man nette kleine Standbilder baut.” Es besteht immer eine kolosale Versuchung, mit dem Leben überhaupt zu spielen, indem man nette kleine Freundschaften schließt, nette kleine Mahlzeiten kocht und Reisen macht, endlose nette Jahre lang. Es ist so realistisch, so augenscheinlich moralisch, einfach von den fluß- und winddurchströmten Spalten zurückzutreten und, durchaus zu Recht, zu sagen: Ich habe diese Gnade nicht verdient, und bis zum Ende seiner Tag an der Grenze zum Zorn dahinzuschmollen. Ich denke nicht daran, es so zu machen. Dazu ist die Welt, wo man hinschaut, zu wild, zu gefährlich und bitter, extravagant und bunt. Wir machen Heu, wo wir Juchhe machen sollten. Wir wecken Tomaten ein, wo wir Radau machen und Lazarus auferwecken sollten.
Würde „häähh“ statt „Heu“ schreiben, kenne das englische Original nicht. Radau machen – das hieße hier: die Tomaten auf irgendjemand oder irgendetwas werfen, statt sie einzuwecken. „Ich habe diese Gnade nicht verdient“ – das ist König Ahas Antwort auf des Propheten Aufforderung, er solle sich von Gott ein Zeichen wünschen, ganz egal was, Gott werde es ihm erfüllen. Ahas macht lieben einen Pakt mit den Supermächten der Erde, als dass er sich für den Gott seines kleinen Volkes interessiert. „Man soll doch nicht Gott versuchen“ sagt er. Das passt noch mal zum Text: er baut sich Standbilder, wie sie die Weltmächte haben, Idole, Statuen. Dass unsereins Lazarus auferwecken soll, den seit drei Tagen toten Freund, das ist der Hammer. So wie Hilde Domins
Ich setzte den Fuß
in die Luft
und sie trug.
Für alles sich gehen lassen sei die Welt „wo man hinschaut, zu wild, zu gefährlich und bitter, extravagant und bunt“. Auch eine Redewendung zum Auswendiglernen. – Das ändert alles nichts daran, dass es heute Abend halt mal „eine nette kleine Mahlzeit“ gibt.