Einblendung Armenfriedhof nahe einem Zuckerrohrfeld: „Am Tag, als ich zum Bischof geweiht wurde, habe ich hier einen Namenlosen beerdigt. An diesem heiligen Ort möchte ich begraben sein.“
Der alte Herr, der hier spricht, ist Ausländer in Brasilien. Die heutigen heimischen Bischöfe in Alagoas stehen nicht für die Zuckerrohrarbeiter hin. (Nur nach dem Konzil war das eine gewisse Zeit lang anders.) Carlos Lima, Gast in Thannhausen (siehe dieser Blogeintrag) aus Brasiliens Nordosten, zeigte uns einen Film über moderne Sklaverei auf Alagoas Zuckerplantagen. Der Ackerboden im ganzen Bundesstaat gehört 8 Familien. 10 Tonnen Zucker muss ein Arbeiter dort am Tag schneiden, dann verdient er 3 Euro am Tag. Alle möglichen Willkürmaßnahmen, wie man mit den Leuten umgeht. (Sie wiegen es und sagen einfach, das waren nur 5 Tonnen) Kein Wunder, dass es dort nicht lohnt, Maschinen zu kaufen.
Der Film bringt zunächst ein hartes Faktum, dann wiederholt er sich oft, am Ende aber ein starker Schluss. Jener Bischof und jener 28-jährige, der erzählt, dass sein Leben auch ein anderes hätte werden können. Aber jetzt ist es einfach so, dass er nichts als Zuckerrohrschneiden kann. Es ist fast unglaublich, dass dieser Mann noch lachen kann, wenn er seine Geschichte erzählt. Gott wollte es so, sagt er, weil er nie die Chance auf besseres wirklich ergreifen konnte. Er wäre gern LKW-Fahrer geworden, aber es hat nicht sollen sein. Es fiel ihm schwer, diese seine Geschichte zu erzählen. Dass er davon träumt, mal wieder zu Haus zu sein. Und er ist dankbar, dass er sie erzählen durfte. Die Filmemacher haben nach dieser Geschichte einen Film gedreht. (Ein Artikel über die Zustände dort finde sich auf den ila-Seiten.)
Irgendwo sind Bischöfe doch Leute, an denen man sich orientiert. Wenn Kardinal Lehmann sagt, der Zaun, den die Israelis bauen, dient nicht dem langfristigen Frieden und ein anderer Bischof ihn mit der Berliner Mauer vergleicht, dann weist das doch darauf hin, dass solche Behauptungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Andersherum: Wenn Kardinal Bertram, damals Vorsitzender der Bischofskonferenz, von Breslau aus Hitler jedes Jahr zum Geburtstag schrieb und bezüglich dem, was ihm nicht gefiel, in der Öffentlichkeit schwieg (und nur viele dicke Briefe nach Berlin schrieb), so haben sich auch manche Katholiken daran orientiert. So haben sich beide Gruppen das Leben bewahrt – und gleichzeitig gab es einen Holocaust. – Aber man wich ab von der Nachfolge des J.v.N., der sehr bald nach seinem ersten öffentlichen Auftreten auf der Abschussliste der Großen stand. Ich zitiere Markus, drittes Kapitel, Vers 6:

Da verließen die Pharisäer die Synagoge und trafen sich mit den Freunden und Anhängern des Königs Herodes. Sie berieten miteinander, wie sie Jesus töten könnten.

(Entsprechend geht es bei Markus in einem Fort weiter.)

Wir sind Carlos Silva und der Initiative Landlosenbewegung MST und die Landpastoral CPT mit 140 anderen großen Dank schuldig, dass sie, obwohl sie auf der (an die Öffentlichkeit lancierten) Abschussliste stehen, mit ihrem Job gegen Sklaverei, Vertreibung und anderes weitermachen. (Die Gewerkschaft ist vollständig von den Großgrundbesitzern gekauft. Vorletztes Jahr allein gab es 38 Morde in der Landlosenbewegung, 55.000 gibt es in Brasilien pro Jahr.)

Es ist sehr schön, dass wir mit Misereor dieses Zeugnis unterstützen können. Den Geschwistern Scholl können wir nicht mehr bei ihrer Arbeit helfen.

(”Nein, die traut sich sowas nicht” lasse ich im Theaterstück über eine Theaterschreiberin berichten, trotzdem fasziniert mich eine seligpreisung.)

Nochmal, es geht um keine Kleinigkeit, ich zitiere:

„Die Wohnlager erinnern mich an deutsche KZs“, betont Padre Peres, „doch die Profite der Zuckerunternehmer sind geradezu astronomisch hoch!“

Ironie der Geschichte: Gerade beim Zucker fallen als aller erster die EU Agrarsubventionen, deren Fallen doch gerade den Leuten in Entwicklungs- und Schwellenländern nützen soll.

One Response to “Sklaverei und Abschussliste”


  1. [...] die Situation im Norden Brasiliens jenseits des Guten ist, hab ich schon persönlich gehört und hier im Blog vermerkt. Prophetischen Widerstand leistet in diesen Tagen der Franziskaner, Bischof von [...]


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