Ein Aspekt, den ich zum Theaterstück beiseite gelassen habe. So gut wie alle Weißen Rose Mitglieder, die am Ende hingerichtet wurden, waren Raucher (bei Willi Graf und Professor Huber bin ich nicht so sicher). Auch Sophie – in einer Zeit, in der es noch verhältnismäßig ungewöhnlich war, dass Frauen rauchten. (Der Kinofilm würdigt ja die Abschiedszigarette vor der Hinrichtung am 22. Februar (der Blog hat den Todestag verschlafen, tja.))

Sophie erfüllt es mit einem gewissen Stolz, dass ihr der Vater das Rauchen nicht verboten hat. Manchmal ist es ihr ein Widerstandszeichen gegen das Gleichmacherische des Systems, wenn sie im RAD mit einer Freundin draußen im Geheimen eine Zigarette raucht. Ansonsten macht sie davon kein großes Aufheben, kaum anzunehmen, dass man sich als Studentin das Kettenrauchen hätte leisten können. Von den männlichen Weiße Rose Mitgliedern wird berichtet, dass sie oft ein Pfeife im Mund hatten ohne zu rauchen – so quasi als Statussymbol.

Der Kick zur aktuellen Debatte: Wo hat haben sie alle geraucht? Zuhaus? In Cafés und Gastwirtschaften? Nur im Freien? Hätte sie in Gastwirtschaften und Cafés geraucht, würde es ihr in Italien, Frankreich, England und manch anderen Nachbarländern heute schlecht ergehen. Dort herrscht Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden – zum Nichtraucherschutz. Als selber Nichtraucher empfände ich solche Gesetze auch für Deutschland ziemlich angenehm. Was sagt ein Raucher zu dieser ganzen Sache? Zudem noch einer, der nicht viel später als die Weiße Rose Leute geboren wurde? Die Welt fasst Martin Walsers Thesen so zusammen

Die Menschheit ist aus dem Paradies vertrieben, und für fast alles, was schön ist, muss man auf dieser Welt zahlen – und sei’s mit dem Leben.

In seinen Tagebucheinträgen heißt es wörtlich:

1959. Die Todesnachricht trifft ein, wir machen die Zigarette, die wir gerade rauchen, zu früh aus. Sie schmeckt nicht mehr. Wenn wir aber gerade nicht rauchen, wenn die Nachricht eintrifft, zünden wir uns rasch eine Zigarette an und bemerken gar nicht, dass sie uns nicht schmeckt.

1994. Kafka hat, glaube ich, einmal geschrieben, wir seien aus Ungeduld und Nachlässigkeit aus dem Paradies vertrieben worden, und aus Ungeduld und Nachlässigkeit kehrten wir nicht ins Paradies zurück. Ebendarum rauchen wir.

Etwas mit Unzufriedenheit mit der Welt wie sie das, das könnte auch das Rauchen der Widerstandskämpfer gewesen sein, so wie die Lock des Lukas des Lokomotivführers. Einfach Dampf ablassen muss jeder mal. Walser deutet aber auch an, dass wir im Paradies nicht rauchen würden, nicht einmal daran denken – wir wären schließlich nicht ungeduldig und nachlässig.

Zurück zur Politik: Interessant ist, dass heutzusage selbst liberale Stimmen, also solche, die am liebsten nicht staatlich eingreifen, sich in die Fürsprecher für ein Rauchverbot einreihen, etwa der Kommentator in der Welt und Clemens Wergin im Tagesspiegel, dessen Blog flatworld ich diese Links verdanke.

Wie solche Entscheidungen zustande kommen hat freilich seine eigene Logik: Als ob man wissenschaftlich vor 30 Jahren nicht schon genauso weit gewesen wäre. Wenn das Rauchen damals nicht schon die Gesundheitskassen übermäßig belastet hätte, würde mich das sehr wundern. Liegt es daran, dass inzwischen die Zigarettenindustrie ausgewandert ist? – Und sollte man in Deutschland zahm bleiben: Rauchen etwa zu viele von unseren Parlamentarien? Es soll mir jemand schlau werden aus der Politik.


One Response to “Jenseits von Eden wird geraucht”

  1. fangtunsdoch Says:

    G. hat mich überzeugt, dass meine Politikerschelte wohl unfair ist. Gesicherte Studien über das Passivrauchen gibt es vielleicht tatsächlich noch nicht so lang. (War vielleicht auch eher eine Schelte über die öffentliche Meinung, die tatsächlich sehr schnell wechseln kann und sich manchmal leicht verführen lässt.)


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