Im Gedicht des Tages des DLF war gestern ein Spiegelgedicht, identisch waren die erste und die achte Zeile, die zweite und die siebte, die dritte und die sechste und die vierte mit der fünften. Interpretiert wird dieses Klagbund Gedicht wie folgt:

Der Dichter exponiert sich in seinem Liebespoem nicht mit origineller Metaphorik, sondern collagiert Versatzstücke aus den Trivialmythen der Schlagerwelt. Aber er erfüllt damit jenes Kriterium für lyrische Modernität, das ein weiterer Klabund-Bewunderer, der Dichter Gottfried Benn (1886-1956) verfügt hatte: Moderne Gedichte, so Benn, seien zuvorderst „Schlager von Klasse“.

Als Beispiel eines guten Textes hab ein Michael Ende Lied im Kopf (das Willfried Hiller vertont hat). Es findet sich (mit ein paar kleinen Fehlern) hier. Ich zitiere „Die Ballade vom Seiltänzer“ aus dem „Trödelmarkt der Träume“ vollständig:

Es war ein Tänzer auf dem Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil,
der Größte aller Zeiten,
das kann man nicht bestreiten.
Ihm lag nicht viel an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst,
ihm ging´s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst.

Schon in der Seiltanzschule war,
er bald der Beste in der Schar,
und als ein Jahr vorüber,
war er dem Lehrer über.
Da sagte der in mildem Ton:
„Du Wunderkind, ade!
Ich kann dich nichts mehr lehren, Sohn,
drum geh mit Gott – doch geh!“

 

So zog er in die Welt hinaus,
wohin er kam, erscholl Applaus.
Die ganze Welt bereist er
und suchte seinen Meister.
Doch keiner tanzte so genial
die Sprünge des Balletts
hoch droben auf dem Seil aus Stahl
und immer ohne Netz.

 

Da er den Meister nirgends fand,
beschloss er endlich kurze Hand,
statt andre zu begeistern,
sich selber zu bemeistern.
„Mein Tanz“, sprach Felix Fliegenbeil,
„ist noch kein Meisterstück.
Zwar kann ich alles auf dem Seil,
doch ist das Seil zu dick.“

 

Drum spannte er von Haus zu Haus
nun einen Draht anstatt des Taus
und übte, drauf zu springen.
Das sollte bald gelingen.
Dann nahm er einen dünnern Draht
und einen dünnsten noch-
es dauerte zwei Jahre grad,
dann konnte er´s jedoch.

 

Und schließlich kam das siebte Jahr,
da tanzte er auf einem Haar,
gespannt von Turm zu Turm,
dort schritt er hin im Sturm.
Das Publikum sah schweigend zu
und hielt die Hüte fest.
Dann aber kam der Clou,
der sich kaum glauben lässt:

 

Denn eines Tages um acht Uhr Früh,
da spannte er nichts mehr zwischen sie.
Er tanzte auf der Leere,
als ob dort etwas wäre.
Hoch überm Abgrund ging es zwar
mit leichtem Tänzerschritt,
doch weil er ohne Halt nun war,
nahm ihn ein Windstoß mit.

 

Wer weiß, wohin der Wind ihn trieb.
Ein Astronom allein beschrieb,
was er im Fernrohr schaute
im Sternbild Argonaute.
Es sei, sprach er, gewiss kein Traum.
Er habe ihn gesehen,
von Stern zu Stern im Himmelsraum
wie einen Tänzer gehn.

 

Es war der Tänzer ohne Seil
mit Namen Felix Fliegenbeil,
der Größte aller Zeiten,
das wird man nicht bestreiten.
Ihm lag nichts mehr an Gut und Geld,
nichts an der Menge Gunst,
ihm ging´s nicht um den Ruhm der Welt,
ihm ging es um die Kunst!

Ich zitiere hier die Strophen, in denen unterer Text nicht stimmt Mehrere Punkte, warum der Text gut ist

  • sehr eingängige Sprache, nicht aufgesetzte, sondern recht natürliche Verse. Man könnte den Text fast auch als Prosa lesen. Es gibt einen offensichtlichen und klaren Handlungsstrang.
  • Die eingängige Sprache entspricht der Leichtigkeit der Handlung, der Leichtigkeit wie Felix Fliegenbeil auf dem Seil tanzt
  • Der Fokus des ganzen Gedichtes ist auf eines, eine Zeile „ihm ging es um die Kunst“. Die Skurrilität von Kunst kommt anschaulich heraus, aber auch die großen Fähigkeiten des Künstlers.
  • Toll ist, wie das Thema Kunst und das Thema Seiltänzerschaft zusammengebracht wird: beides ist eine Luftnummer, man hat nichts in der Hand, und dennoch hat es was.
  • Der Text schafft ein gutes Klima, dass man sich mit dem Felix Fliegenbeil identifiziert. (Das muss ein Schlager ja auch leisten. Aber hier geschieht es nicht platt. – und nicht so depressiv melancholisch wie sonst oft in Ende/Hiller/Woska „Trödelmarkt der Träume“.)

Gleichzeitig ist der Text ein Lied. Selbstverständlich soll er gesungen werden. Ich glaube, dass das Songhafte spätestens für die Lyrik nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr typisch ist (wie es Benn – wahrscheinlich vor dem Krieg – für die Moderne meinte). Aber es gibt heute auch gute vertonbare lyrisch anspruchsvolle Texte: den obigen, im Stück zitieren wir ja Kaschnitz.

Es ist wie wenn ich dramatisch Kleist lese. Ich weiß, wenn ich schreibe, an so ein Genie komme nie hin. (Und dennoch, auch wenn „Fangt uns doch“ nicht so leicht geworden ist wie Felix Fliegenbeil, so hängt es vielleicht mehr in der Realität – als in der reinen Kunst.)

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