Noch ein Widerstandszitat, an dem mir recht liegt. Tisa von der Schulenburg (1903-2001) lebte lange Jahre vor dem zweiten Krieg in England. 1938 durfte sie nach einer Reise nach Deutschland nicht mehr zurück. Sie schreibt vom Winter 1939, sie verwaltete damals ein Landgut im heutigen Mecklenburg Vorpommern.

Ich konnte also den Franzosen [die beim Gut Treptow Kriegsgefangene waren] helfen [und brachte ihnen nachts Brot und Wurst und warme Sachen].

Ich ergriff also im eigenen Land die Partei unserer Feinde. Ich sah in den Feinden unsere Befreier. Für viele andere im Widerstand ist dies eine quälend schwere Entscheidung gewesen, zu der sie sich nur mühsam durchgerungen haben[...] Die vom Widerstand mussten sich zu einer Haltung durchringen, die den Nationalsozialismus überwunden hatte. – Recht ist, was Deutschland nützt? – Welches Deutschland war gemeint? Das der Dichter und Denker? Das war längst versunken. Das der Folterer und ihrer Knechte? Fritzis [Tisas Bruder Fritz von der Schulenburg] Entsetzen über die Gräuel in Polen ist mir deutlich in Erinnerung. Auch wenn ich nicht alles wusste und nicht alles erfahren konnte, ich konnte es mir zusammenreimen, wie die SS sich in den besetzten Gebieten benahmen. Einiges sickerte durch. Was man während des Krieges wusste, genügte, um von Scham überwältigt zu werden. Mein größter Feind war der “Hass”. Ich hatte eine panische Angst, dass ich dem Hass erliegen würde. Ich wusste, dass ich nicht besser als die Nazis war, wen ich dem Zorn und dem Hass nachgab.

Ein Nazi mit umgekehrtem Vorzeichen – hatte Heß [Tisas erster Ehemann, jüdischer Abstammung] einmal gesagt. Ich versuchte, wie ein Christ den Nächsten zu lieben – ohne Christ zu sein. Ich machte mir etwas vor. Ich hasste Hitler, soviel ist sicher. Wie ich Jahre später versuchte, für ihn zu beten, wurde ich immer noch rot vor Zorn.

Ich wollte also den Hass niederringen. Der Hass war mit Angst gepaart. Es handelte sich darum, diese Angst zu überwinden.

Ich beobachtete alle Nazis, die ich kennen lernte, genau. Sie waren gar nicht anders als wir alle. Einige nett, einige weniger nett, einige gutmütig, hilfreich, einige selbstherrlich, hart [...]

[...] Nun erst ging mir die Rolle des Narren in den Shakespeareschen Theaterstücken auf, der im traurigsten Augenblick auftritt oder dazwischentritt. Man begann, die komischen Momente zu sammeln, wie man Punkte sammelt.

Dennoch: Die Angst kroch an mich heran.

Ich wollte die Angst überwinden. Aus diesem Grunde habe ich zum Glauben gegriffen. Ich suchte Halt. „Wer bist du, dass du dich vor Menschen fürchtest?” Dieser Jesaja-Spruch war für mich das Leitwort jener Jahre. Denn ich fürchtete mich.

Man musste auf jeden Fall mit KZ rechnen. Wie konnte man sich schützen? Ich begann, Psalmen auswendig zu lernen. An ihnen begann ich, Mut zu schöpfen.

Ich lernte viele. Ich nannte sie mein Gepäck fürs KZ. Ich hatte Angst, dass ich dort gierig sein würde, selbstsüchtig, vital, wild, gar nicht anständig oder edel.

Ich sagte mir, vielleicht versuchst du die Wache mit einer Zeichnung zu bestechen, dich hervorzutun.

Ich ging sonntags in die Kirche. Mehr um zu bekennen als um zu glauben.

Tisa von der Schulenburgs Autobiographie “Ich hab’s gewagt. Bildhauerin und Ordensfrau – ein unkonventionelles Leben” gehört auch zu meinen Lieblingsbüchern. Was sie zum Hass, zu den Psalmen oder zu den Shakespearschen Narren sagt, ist zum nicht-mehr-Vergessen. Ihre Bilder, die ich hier im Blog eingelinkt habe, sind Zeichnungen der Kohlearbeiter, für die sie damals in den dreißiger Jahren in England Zeichenkurse gab (und für die sie sich auch politisch einsetzte).

One Response to “Der Hass und die Angst vor dem Hass”

  1. fangtunsdoch Says:

    Die ursprünglichen Bilder wurden leider vom Webmaster der Seite, von der ich sie ausgeliehen habe, zensiert. Wer weitere Werke der Tisa von der Schulenburg ankucken will, den verweise ich auf.
    http://www.tisa-von-der-schulenburg.de/schwerkd.htm
    http://www.tisa-von-der-schulenburg.de/schwerkc.htm
    “Kunsthistoriker werden sich fragen, woher die Autorin kommt: Barlach, Kollwitz, Moore? Das mag interessant sein, wichtig ist es nicht: hier ist die Zeit getroffen, deutsche Nachkriegszeit, und es fragt sich, ob Barlach oder die Kollwitz sie so hätten treffen können. Die Frage, die die Autorin stellt: ‘Was ist aus uns geworden?’, stellt sich jedem, der aus dieser Zeit in unsere Gegenwart überlebt hat.”
    (Heinrich Böll)
    http://www.tisa-von-der-schulenburg.de/schwerke.htm
    http://www.tisa-von-der-schulenburg.de/schwerkb.htm
    http://www.holstina.de/kunst/tisa1.html


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