Michelangelo Buonarotti

23. Januar 2007

„Er will Bildhauer werden“ erzählt Carl Muth von Otl Aicher. Für Alexander Schmorell, der ebenso Bildhauer-Berufswünsche hegte, war der Zeitgenosse Rodin das Vorbild. Kenne mich in dieser Kunst wenig aus, aber ist nicht der große Bildhauer Michelangelo Buonarotti (1475 – 1564), seine Moses-Statue, seinen David, seine Pieta. (Mich faszinierte der Wagenlenker, als ich ihn in Delphi sah, den Namen seines Meisters, Sotades, kennt kaum jemand.) Und da Otl Aicher gern mit großen Geistern zu verkehrte, war er schon der Typ, der, wenn er schon Bildhauer werden wollte, dann auch ein neuer Michelangelo werden will.

Es spricht für Otl Aicher, dass er sich von folgendem eher kunstverachtenden Gedicht des Künstlers Michelangelos mitreißen ließ. Hier eines der Sonette in der Übersetzung von Rainer Maria Rilke

 

Schon angelangt ist meines Herzens Fahrt

Im schlechten Schiff durch Stürme übers Meer

Am Hafen Aller, wo die Wiederkehr

Nicht Einem harte Rechenschaft erspart.

 

Da seh ich nun die Phantasie, die oft

Als Abgott thronte durch der Künste Gnaden,

Wie falsch sie war, von Irrtum überladen,

Und was ein jeder, sich zum Nachteil, hofft.

 

Verliebtes Denken, einstens froh und leer,

Was ist mirs jetzt vor zweien Toden wert?

Des einen bin ich sicher, einer droht.

 

Malen und Bilden stillt jetzt längst nicht mehr

Die Seele, jener Liebe zugekehrt,

Die offen uns am Kreuz die Arme bot.

 

Auf diesen Text wird im Stück angespielt, als Otl ganz auf die Augustinische Innenschau schwenkt und dieses Gedicht etwas übertrieben interpretiert: „Das Werk der Hände ist nichts wert. So hat er [Michelangelo] es gesehen.“ Dass Otl bei Thomas von Aquin eine rationale Weltsicht findet, die das Werk der Hände hochschätzt, muss sein späteres Designerhandwerk sehr inspiriert haben.
Auch unsere Theaterarbeit ist vor allem Werk der Hände, Bühnenbauen, Schneidern, die Bewegungen auf der Bühne. Die Furcht, die aus Michelangelos Gedicht spricht, ist mir erstmal fremd. Andererseits: wie schnell das innere Leben seinen Geist verlieren kann, das Werk der Hände die Liebe, das ist auch frappierend.
Nebenbei: In die Bockshörner des Moses von Michelangelo kann man viel hineininterpretieren, vielleicht sind sie solche abgöttischen Dinge, solches verliebte – von der Realität abgelöste – Denken, wie es der älter werdende Künstler an sich selber kritisiert. Mir fällt noch keine schöne Geschichte ein, wie man sie mit den Teufelshörnchen aus unserem Stück zusammenbringen könnte.

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