Wichtige Geschichten

22. Januar 2007

Die wichtigsten Geschichten, so G. B. im Gottesdienst mit uns, sind für einen Christen die Erzählungen von Jesus von Nazareth. Zum Beispiel wie er die Kranken heilte:

Der Mann mit der ausgedorrten Hand. Jesus könnte ihn irgendwo im Geheimen von seiner Behinderung heilen. Aber so wäre die Unterdrückung, das Außenseitersein, das Tuscheln, weitergegangen. Nein dieser Mann muss in die Mitte. Und dann muss er diese kranke Hand allen zeigen. Und erst dann wird er heil.

Nur weil ihnen die Geschichten von Jesus wichtig sind, bezahlen manche Leute mit dem Leben. Ich weiß zu wenig über Hrant Dink, den türkischen armenischen Christen, der am Freitag ermordet wurde. Aber er kämpfte gegen den wachsenden Rassismus und Nationalismus dort in der Türkei, vgl. die Deutschlandfunksendung Europa heute vom heutigen Montag. Und aus seinem Umkreis hört man mutige Worte

Aydin Engin will sich nicht einschüchtern lassen und will weiter für “Agos” schreiben, der Zeitung seines ermordeten Freundes Hrant Dink:

“Es gibt ein türkisches Sprichwort, das heißt: Wer sich vor den Vögeln fürchtet, kann kein Korn säen.”

Irgendwann wird der Armenier mit der verwundeten Hand in die Mitte der Türkei und die Mitte Europas treten dürfen und man wird ihm glauben, wenn er sagt, wie es seinem Volk einst erging.

Ein Theaterstück in die Öffentlichkeit geben, schauzuspielern heißt ein wenig, seine verwundete Hand zeigen. (Hat das Ganze überhaupt einen wirklichen Zusammenhang, wenn man es unvoreingenommen ansieht? Ist da nicht manches hölzern gesprochen, die vielen Wiederholungen in den Liedern nicht recht nervig?)

Und wenn er, der Heiler, da ist, wird er etwas daraus machen. Er wird etwas draus machen, sogar wenn hinter ihm selber die Pharisäer lauern und er wegen dieser kleinen Freundlichkeit bittere Nachteile in Kauf nehmen muss: jetzt, da er nachweislich das (Sabbat-)Gesetz verletzt, steht er bei ihnen auf der Abschussliste. Auf der Liste derer, denen man ein Terrorkommando schickt. Und auch J.v.N. spricht ja oft vom Säen und vom Korn, das Früchte bringt, 50-fach, 100-fach. Nein, der Sämann braucht keine Angst vor den Vögeln zu haben. O.k., so einfach ist das nicht. Ich zitiere nochmal den DLF, ein Stück vor dem obigen Schusszitat steht da:

Es werden Tausende erwartet, das Begräbnis soll noch einmal zu einer machtvollen Demonstration für eine demokratische Türkei werden. Viele Weggenossen Dinks, Türken wie Armenier, werden mit dem nervenzehrenden Verdacht leben müssen, vielleicht der nächste zu sein.

Soweit ist es mit uns nicht. Wenn wir mehr taten, als die verwundete Hand zu zeigen, dann doch nur ein wenig. (Irgendwie kann man durch Theaterspielen es auch richtig verschleiern, wenn man eine verwundete Hand hat. So gesehen tun wir weniger als die verwundete Hand zeigen.) Wir spielen die Geschichten der Schollgeschwister nur nach. Bei denen ging es auch gegen Rassismus und Nationalismus, für ein demokratisches Heimatland. Nicht einfach so, sondern in konkreten Fragen: zunächst gegen den Drill, der in den offiziellen Nazi-Jugendorganisationen herrschte, dann gegen die ungerechte Festnahme und andere Ungerechtigkeiten, die sie daraufhin umso tiefer empfanden. Gegen die Dummheit und Lächerlichkeit der Nazis, wie es der Franz Joseph Müller oben bei uns auf der Bühne betonte. Gegen das, was man vom staatlichen Umgang mit Behinderten, Juden und Nichtkonformisten mitbekam.

Im Freundeskreis wurde darüber gesprochen. Da wurde die verdorrte Hand der Gesellschaft wenigstens im kleinen Kreis gezeigt. Die Weiße Rose Leute wollten das noch mehr in die Öffentlichkeit tragen. Flugblätter und die Wandschmierereien “Nieder mit Hitler”, jeder sollte das sehen. Ihre, unsere Geschichte erzählt auch, dass das ein Schritt zur Heilung Deutschlands war. Sechs Menschen brachte das damals auf die Abschussliste. Oder auf die Abköpfliste, weil man dem allem noch einen halblegalen Anspruch geben wollte. (Auch J.v.N. hatte ja mindestens zwei offizielle Gerichtsverfahren.)

Nicht nur, dass wir von dieser Heilung Deutschlands her in Freiheit und in einem Rechtsstaat leben, sondern irgendwie können diese Geschichten in uns Fuß fassen. Es ist attraktiv davon zu hören, dass niemand eine größere Liebe hat als der, d. s. L. g. f. s. F.

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