Sophie selbstkritisch

18. Januar 2007

Las gerade mal wieder Armin Zieglers Charakterisierung der Sophie Scholl. Er zitiert, dass Susanne Hirzel 1946 über Sophie schrieb:

[...] Es waren nicht viele Menschen, die ihr wirklich nahe standen. Bei allen galt sie als Ausnahme. Niemand konnte sie hassen oder ihr Vorwürfe machen, und doch war sie nie ‚populär‘. Sie galt als eingebildet, überheblich, stolz. Ich glaube aber, dass hier nur der Neid und die Sehnsucht der anderen Menschen spricht, die spüren, dass sie in einem fernen Weltraum lebt und viel viel Kraft in sich hatte. [...] Sie half in der Selbstverständlichkeit, wo man sie bat. Aber die große Aktivität, das zupackende Interesse für die Menschen hatte sie nicht;[...]

Ich betone mit der Auswahl dieses Zitats die Dinge, die man nicht unbedingt hinschreiben müsste, wenn sie nicht stimmten: Einzelgängerin, wirkt überheblich, lebt in ihrer eigenen Welt, nicht groß im Zupacken. Daneben positiv eine große innere Kraft. Soweit die Außenbeobachtung. Jetzt ein Zitat aus einem Brief vom 22.5.1940 an Fritz Hartnagel, wie Sophie solche Dinge von innen sieht:

Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.

Ich muss hier an eine Geschichte des Alten Testaments denken, wo Mose [den ganzen Tag] zu jeder Stunde seine Arme zum Gebet erhob um von Gott den Sieg zu erbitten. Und sobald er einmal seine Arme senkte, wandte sich die Gunst von seinem kämpfenden Volke ab. Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?

[...] Ich kenne kaum eine Stunde, in der nicht einer meiner Gedanken abschweift. Und nur in einem einzigen Bruchteil meiner Handlungen tue ich, was ich für richtig halte. Oft graut mir vor diesen Handlungen, die über mir zusammenwachsen wie dunkle Berge, so dass ich mir nichts anderes wünsche als Nichtsein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stücklein einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit. […] Ich bitte dich nur, halte mich nicht für gut, da ich schlecht bin. […] Ich erkenne, wie ich bin, und bin zu müde, zu faul, zu schlecht, dies zu ändern.

Es spricht für einen Menschen, dass die Außenbetrachtung der weniger hervorzuhebenden Seiten mit der Innenbetrachtung so halbwegs übereinstimmen.

  • Ihre Trägheit im äußerlichen Tun,
  • ihr einzelgängerischer Anspruch, dass die Gedanken nicht abschweifen dürfen.
  • Wer lebt schon in der Welt von Moses und nimmt ihn sich eindeutig zum Vorbild?
  • (Suse und Sophie stimmen überein, dass Sophie nicht überheblich sein will.)

Die große Kraft, von der Susanne Hirzel schreibt, ist wohl nicht ganz gelogen. Recht vielen Leuten, die ich treffe, traue ich zu, dass sie „viel viel Kraft in sich“ haben.

Ich wehre mich dagegen, solche kritischen Selbstbespiegelungen wie oben, die in Sophies späteren Tagebuch-Meditiationstexten Gott gegenüber noch extremer werden, als skrupulant zu klassifizieren.

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