Durchgefallen

12. Januar 2007

Von so etwas wie Durchfallen oder Nachsitzen bleibt auch der Blogschreiber nicht verschont. Er ist aber in guter Gesellschaft

  • Inge Scholl in der Schule, sie brach nach der 10. Klasse ab
  • Hans Scholl saß zu Weihnachten 1937 im Gefängnis (in der falschen Jugendbewegung gewesen)
  • Otl Aicher, als er doch zur Wehrmacht muss (obwohl er dem durch Selbstverstümmelung entgehen wollte)
  • Sophie Scholl, trotz Kindergärtnerinnenausbildung muss sie zum Reichsarbeitsdienst
  • Carl Muth, als ihm die Zeitschrift verboten wird
  • Sophie Scholl bei Alex Schmorell (soweit ich das wenigstens beurteilen kann)
  • Robert Scholl, bei der Bürgermeisterwahl mit kleinen Kindern, als er plötzlich ohne Beruf dastand, und dann nach dem Krieg, als er sich in Ulm von den Bürgen hätte bestätigen lassen wollen
  • Robert und Magdalena, als sie ihre Kinder kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils noch mal sehen dürfen. (ähnlich ergeht es Inge, Werner und Elisabeth Scholl)
  • Werner Scholl, wahrscheinlich beim Desertieren von der Truppe durchgefallen, er kam jedenfalls nicht lebend aus dem Krieg zurück

Der Höhepunkt an Versagthaben ist, wenn Jeanne d’Arc kurz vor ihrer Hinrichtung jemand erscheint, der ihr nachweist, dass alles was sie im Namen Gottes zu tun meinte, nur Einbildung und nichts war. Und dass auch alles andere nichts wert war. In allem diesem Durchfallen, so sagt man doch gerne, steckt irgendwie „der Teufel“, oder nicht?

Entdeckte eine theologische Filmkritik von Martin Löwenstein, die ich dann weiter unten zitiere. Jeanne d’Arc erscheint im Film „Johanna von Orleans“ (Luc Besson, 1999) kurz vor ihrer Verbrennung eine Gestalt (Dustin Hoffmann), die in den Beschreibungen als ihr Gewissen beschrieben wird. Löwenstein nennt sie „den Religionspädagogen“, der behauptet, sie habe sich ihre Berufung nur eingebildet u.a.. Löwenstein bedauert, dass diese Erscheinung, so recht sie auch haben mag, nicht als Teufel entlarvt wird:

„Der Teufel in Gestalt des Religionspsychologen, der Versucher als Lichtengel, der mit lauter guten und richtigen Argumenten die Seele an sich zieht, bis vor lauter geschwätziger Weisheit das Zentrum vergessen ist: Gott. Denn natürlich hat „das Gewissen“ recht, wenn es all die „Zeichen“, die Johanna für ihre Berufung gesehen hat, auf „natürliche“ Ursachen zurückführt. Diabolisch und perfide, wie es dem Gewissen gelingt, wiederum ganz korrekt, daran die Schuldverstrickung der Johanna zu knüpfen. Aber der Schluss, den „das Gewissen“ daraus zieht, der Trugschluss, dass Gott uns in dieser Gewalt und dieser Schuld allein gelassen hat und die Freiheit des Menschen in der Aufklärung über seine psychischen Tiefenstruktur bestünde, entlarvt dieses „Gewissen“ für mich als Versucher. „Weg mit dir, Satan!“ wäre die einzige angemessene Reaktion auf diese Versuchung. Denn die Freiheit besteht darin, mich ganz, mit meiner Schuld, aber ohne an Gottes Gegenwart in meiner Lebensgeschichte zu zweifeln, seinem Willen zu überlassen. Wenn Johanna mit dem Blick auf das Kreuz stirbt, wird genau dieser Faden wieder aufgenommen. Wie schade, dass die Entlarvung des „Gewissens“ fehlt. Dustin Hoffmann wäre ein guter Versucher gewesen.“

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