Was ist der Mensch?

4. Januar 2007

Zum Anfang des neuen Jahres hier etwas über die Geschichte vom Anfang, oder eben von Adam und Eva (oder von Ödipus, siehe erstes Bild):

Warum verwandeln sich die Menschen unter dem grünen Tuch in Adam und Eva, das ist doch eine ganz andere Geschichte? – Ja meint ihr denn, die Bibel erzählt von Adam und Eva, weil die vor 5.000 oder 50.000 Jahren gelebt haben? Das tut sie nicht, sondern die biblische Erzählung ist ein Mythos wie die Geschichte von Ödipus, der Gilgameschepos und die Geschichten von der Entstehung der Welt in fast allen Kulturen. Ein Mythos ist keine historische Erzählung, sondern eine erfundene Geschichte, die Antwort auf eine Frage gibt, die sich in der Zeit ihrer Leser stellt und die heute beantwortet werden muss. Die Geschichte von Adam und Eva ist eine erzählerische Antwort auf mindestens zwei Fragen: (i) Was ist die Grundsituation des Menschen? Und (2) Was ist das Böse?

Der Ödipus-Mythos antwortet auf die Frage nach der Grundsituation des Menschen, dass der Mensch von Anfang bis Ende in ein böses Schicksal verstrickt ist, in das er nur noch tiefer hineinkommt, je mehr er versucht, davon loszukommen. Die Grundsituation des Menschen heute entsprechend der biblischen Paradiesgeschichte ist anders: Es ist typisch für den Menschen, hebräisch „adam“ und „adama“, dass der Mensch sich immer wieder zum Bösen verführen lässt. (Manchmal kriegt er erst viel später heraus, dass das, was er in gutem Glauben tat, wirklich böse war.) Ein zweites: Die Menschen „sahen, dass sie nackt waren“. Das meint, dass der Mensch in allen entscheidenden Lebensbelangen „im Hemd dasteht“, dass es aber vielleicht eine Rettung des Menschen gibt. (theologisch heißt das evtl. Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit). Einladung, dass ihr euch die Einzelheiten selber ausmalt.

Jetzt zur Frage nach dem Ursprung des Bösen? Geht das Böse von Gott, dem Menschen, oder etwas drittem aus? Wenn ich aus der Geschichte mit Adam und Eva eine theoretische Antwort auf diese Frage finden sollte, dann sind eigentlich alle drei Faktoren beteiligt, insbesondere dieses schwer einzuordnende Dritte, von dem der Mythos als von einer klugen Schlange erzählt. Mit der Schlange fängt es an, der Mensch ist nicht der erste. Vielleicht steckt hinter der Schlange doch wieder Gott, schließlich ist sie ein Tier seiner Schöpfung, aber vielleicht sollte man nicht so weit zurückkonstruieren. Jedenfalls fängt es nicht mit dem Menschen an. Dennoch ist der Mensch so ärgerlich schwach: „Ich tue das Böse, das ich nicht will und nicht das Gute, das ich will.“ , so steht es schon bei Paulus.

Dieser ganze Themenkomplex wird in der Szene mit dem grünen Tuch angesprochen. Sophie denkt, „die Menschen sind eine Hautkrankheit der Erde“ oder kürzer, die Menschen sind böse. Was heißt das und warum sind sie böse? Als Antwort erzählt auch das Stück die Geschichte von Adam und Eva. Irgendwie sind die Menschen unschuldige Kinder, aber dann spielt jemand mit ihnen, schleimt sich ein, macht sie aufeinander neidisch, und schon bekommen sie sich in die Haare. Das geht so weit, dass sie sich umbringen, dass ein zweiter Weltkrieg ausbricht. Aber es sind nicht nur die Menschen, es steckt auch ein böser Wille dahinter. Mephisto zieht sich ja sonst im Stück vom operativen Geschäft gern zurück und spielt nur den Befehlshaber. In der Stelle unter dem Tuch wird er selber im Kampf um die Seelen der Menschen tätig. Hier, wo es wirklich um gut und böse geht, muss er selber handeln.

Wenn die Sache mit dem Menschen so steht, gibt es einen Ausweg? Unentwirrbare Schicksalsverwirrung (wie bei Ödipus oder dem Geschehen unter dem grätzegrünen Tuch) oder gibt es eine Wachheit, die um einen Ausweg weiß? Vorschläge im Stück und in den Aufzeichnungen der Sophie Scholl.

- die Menschen, „sie alle sind besser und halten nur still“

- Jesus von Nazareth, der einzige, „der den geraden Weg zu Gott gegangen ist“ (so auch Sophie im selben Brief am 22.5.1940)

- Moses Wachen über dem Kampf der Israeliten (ebenfalls Brief vom 22.5.1940)

- Die Sicherheit, dass die Macht bei Gott (und nicht bei Hitler oder anderen) ist (z.B. Tagebucheintrag S.S. vom 9.8.1942)


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