Propheten erzählen nur Utopien?
23. Dezember 2006
Ich probier mal einen Advents- oder Weihnachtseintrag.
Die Propheten im alten Israel waren Leute, die man nicht so recht fassen konnte. Sie konnten derb den Mächtigen und der ganzen Gesellschaft die Wahrheit ins Gesicht sagen. Aber wenn in dem Chaos der gesellschaftlichen Umstände selbst sie nicht mehr aus und ein wussten, dann verzweifelten sie nicht, dann ließen sie sich nicht auf das Unglück (das sie selbst vorhergesagt hatten) festnageln, sondern erzählten urplötzlich eine andere Geschichte.
Ein Beispiel auf dem Bild: Die furchtbare und identitätsbedrohende Verschleppung der israelitschen Oberschicht nach Babylon wird auf goldenem Hintergrund dargestellt. (Ähnlich: Carl Muth erzählte im bis auf die Zähne verfeindete n Europa die Geschichte von Europa Einigung. Johannes Paul II erzählt seit seiner Amtsübergabe die Geschichte vom Fall des „eisernen Vorhangs“, die bis 1989 durch Europa ging… Dom Helder Camera erzählt die Geschichte, dass man die Armen Brasiliens nicht links liegen lässt. André, Fernsehmacher und Priester, erzählt die Geschichte, dass die Senegalesen richtig Lust und Tatendrang bekommen ihr eigenes Land ohne Korruption und Cliquenwirtschaft aufzubauen. Unser Theaterstück erzählt die Geschichte, dass zu uns nach Deutschland einige Kinder Gottes kommen und wir dann geistvolle Menschen werden.) Die kirchlichen Lesungen im Advent und die Lieder haben die Worte der Propheten zitiert. Die Geschichte von Weihnachten wird sagen, dass sich diese Geschichten der Propheten erfüllt haben.
Die Propheten „sahen eine neue Welt erstehen. Die alte sollte zusammenbrechen. Ihre Sterne sollten vom Himmel fallen. Dann sollte der Geist Gottes mit schöpferischer Urkraft über das Chaos des Ehemaligen fegen. Eine neue Schöpfung sollte sprossen. Die gesellschaftlichen Systeme aus Rivalität, Gewalt und Herrschaft sollten Vergangenheit sein. Keine Waffen sollten mehr geschmiedet werden. Sie sollten umgeschmiedet werden in Pflüge und Winzermesser. Niemals mehr sollten die Achtzehnjährigen für den Krieg ausgebildet werden. Die Väter sollten sich mit den Söhnen und die Töchter mit den Müttern vertragen. Des uralten Streites zwischen den Generationen sollte nicht mehr gedacht werden. Glück sollte da sein. Die Einsamkeit sollte aufgehoben sein. Am Abend auf den Plätzen und Straßen Jerusalems sollten die Alten friedlich beieinander sitzen. Die vielen Kinder sollten zwischen ihnen spielen. Keiner sollte mehr den andern belehren müssen. Denn in allen sollte der Geist des Herrn wohnen. Alle sollten im eigenen Herzen wissen, was gut ist und was dem eigenen und dem fremden Glück dient. Die Krankheit sollte sich in einen Winkel verkriechen. Selbst die Tiere und Pflanzen sollten aufatmen und wieder zur reinen Natur werden – weil die Menschen wieder zur Schönheit der ersten Schöpfung zurückgekehrt waren. Und über allem die Sonne der Gerechtigkeit strahlte.
Das sind doch die Utopien der Propheten. Wer würde sagen, sie sind eingetreten?“ (aus Norbert Lohfink: Kirchenträume. Reden gegen den Trend, 12-3.)
Norbert Lohfink, ein höchst anerkannter Erforscher des alten Testaments, denkt, man entlastet sich viel zu schnell von diesen Sätzen, die ganz real gemeint sind. Man sagt zum Beispiel: diese Sätze sprechen vom Jenseits. Falsch, tun sie nicht. Oder man sagt: In dir soll etwas passieren, darum geht es in den Prophezeiungen. Falsch, es mag so sein, dass auch in dir etwas passiert, wenn draußen in der Welt etwas passiert, aber die Propheten und Jesus von Nazareth haben diese Sätze nicht so verstanden. Dritte Entlastungstheorie. Diese Sätze gelten für den religiösen Bereich, für das frohe Familienfest, vielleicht für den Freundeskreis, vielleicht dann, wenn wir mit einer Kinder- und Jugendgruppe etwas machen. Das ist das Gemeinte nicht. Denn erstens „Alle Völker sollen das Heil sehen, das von Gott kommt“ Zweitens: Schwerter sollen in Pflugscharen umgeschmiedet werden, das heißt, dass es keine beleidigenden Wort mehr geben wird und keine Atomwaffen mehr brauchen wird, auch nicht zur Abschreckung.
Norbert Lohfink probiert in seinem Aufsatz eine Lösung, was es heißen soll, dass an Weihnachten oder durch Jesus oder durch ein Christenleben diese Prophezeiungen irgendwie erfüllt sein sollen. Von dieser Lösung schreibe ich jetzt nicht, sondern wünsche diese Erfüllung einfach zum Weihnachtsfest meinen lieben (mehr und weniger) treuen Blog-Lesern der letzten vier Monate.
Fangt uns doch
matthias