Ich sage selten Vaterland
16. Dezember 2006
„Meister, ich weiß was: Deutschland.“
„Tölpel, was hast du gesagt? – Deutschland?“
In diesen Sätzen (wer unser Stück kennt, weiß den Zusammenhang dort) in diesen kurzen Sätzen steckt der zurückgenommene Patriotismus der Deutschen. Auch ich bin so aufgewachsen. Es ist nett, Fußballfan der Nationalmannschaft zu sein. (Ich war es als Kind und Jugendlicher viel mehr als jetzt, wo es heißt, es sei mit der Weltmeisterschaft ein großes Nationalgefühl entstanden.) Aber wir Deutschen übertreiben das nicht. Wir rüsten nicht so sehr, dass wir mit Frankreich oder England, Ländern von derselben Größe, konkurrieren könnten. (Das Gerangel um den ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat war mir peinlich, ich bin für einen Sitz der EU.) Eher als mit militärischer Macht zu prahlen lassen wir uns ein bisschen durch die USA beschützen. Bei anderen Nationen wollen wir durch unsere Leistungen überzeugen, nicht weil wir Deutsche sind und Deutsche was Besonderes sind. Wir hatten immer Bundeskanzler mit einem großen Herzen für Europa.
Es gab Zeiten, in denen Patriotismus in Deutschland selbstverständlicher und eindeutiger war.
Ich zitiere wieder aus dem Stück. Carl Muth konstatiert bitter die politische Lage im Jahre 1941, als Deutschland noch am Gewinnen ist:
Die Diktatur ist total, es gibt nur eine Chance. Dass wir möglichst schnell den Krieg verlieren.
Hans Scholl antwortet aus einer selbstverständlichen Vaterlandsliebe:
Verlieren? Was sagen Sie? Sind sie kein Patriot?
Darauf wieder Muth:
Mir liegt an Deutschland, aber mehr an Europa und unserem Christentum.
Ich hab mir das als Kind und Jugendlicher überlegt. Bin ich nicht vielmehr Katholik, hab nicht den deutschen Bundeskanzler über mir, sondern den Papst in Rom. Und gehöre mehr zu allen Christen irgendwo in Afrika als zu den Leuten, die hier wohnen und mit denen ich nichts anfangen kann. Hab das überlegt und die Sache offen gelassen.
Aber es hat etwas Faszinierendes, das Deutsche. Es hat mich beeindruckt zu hören, Faust sei das deutsche Drama, und der Protagonist Dr. Faust sei der typische Deutsche. Deshalb gibt es bei uns beim Drame im Drama, als beim BDM Goethes Faust geprobt wird, (sogar zweimal) den folgenden Dialog.
Scharlo Es geht weiter mit „Kennst du den Faust?“
Der Herr Kennst Du den Faust?
Mephistopheles Den Deutschen?
Scharlo stöhnt.
Der Herr Er ist mein Knecht.
Selbstverständlich ist Faust nicht typischerweise Doktor, sondern typischerweise ist der Deutsche. Da muss sich ein Schauspieler fast zwangsläufig versprechen. Von der BDM-Szene an ist Deutschland ein wichtiges Thema im Stück. Aber nicht das deutschnationale, wie es die Nazis betonen. Das kommt überhaupt nicht als Deutschland vor. Sondern eher Deutschland wie eine Person, der es beschieden ist, dass sie der Teufel reitet. In Goethes Worten, dem Mephisto in den Mund gelegt:
[Den Faust, also den Deutschen]
Den sollt ihr noch verlieren,
Wenn ihr mir die Erlaubnis gebt
ihn meine Straße sacht zu führen!
Es folgt die Verengung der Wette. Gott und dem Teufel geht es um den Einzelnen, jedenfalls bei Goethe. Der Deutsche, an dessen Schicksal sich alles entscheidet, das sind die Leute der Weißen Rose. Irgendwie lässt mich der Eindruck nicht los, dass an der Entscheidung weniger das Schicksal eines ganzen Volkes hängt. Und dass diese wenigen in den seltensten Fällen führende Staatsmänner oder Wirtschaftsbosse sind. Nein, es sind ganz wenige. 10 Gerechte, wenn nur 10 Gerechte in Sodom gewesen wären, dann wäre die Stadt nicht zerstört worden, so die biblische Legende von Abraham. Lot, der eine gerechte Sodomit, war zu wenig. Selbst seine Frau, die er eigentlich mit hinaus nehmen darf, schafft es nicht sich zu lösen: sie schaut sich um und wird zur Salzsäule. Wie viel von Deutschland ist in jenen Jahren zur Salzsäule erstarrt.
„… da werden Deutschlands Männer zugrunde gehen.“
„Teuflische Idee [die ich da hatte]. Wir geben ihm die Deutschen Soldaten in den Russischen Winter, ohne jede Ausrüstung, damit wird er zufrieden sein.“
Es ist gut, dass ich beim Wort Deutschland nicht an Bismarck denke, oder gar an Hitler: sondern an Goethe, Kant, den Kreissauer Kreis und die Weiße Rose, inzwischen auch so jemand wie Muth, an den Europäer Leibnitz, dass ich an die deutsche Sprache eines Heinrich von Kleist und der Hilde Domin denke. Selbst Beckenbauer ist kein Kriegsfürst, kein Stürmer, er war Libero. Bei Sophie Scholl heißt es, als sie vom Sieg des Geistes schreibt, dass sie nicht an Max Schmeling (einen damals berühmten Boxer) sondern an Novalis und einen genialen, aber körperlich kranken Wissenschaftler denkt.
In zweiter Linie denk ich bei Deutschland schon auch an das Land, das einmal unter einem 30-jährigen Krieg zu leiden hatte, das eine sehr harte Zeit der Industrialisierung zu überstehen hatte, das einmal die künstlerisch und kulturell interessantesten und modernsten Städte beherbergte, das Land, dessen Soldaten massenweise in Verdun und Stalingrad starben, das eine außergewöhnliche Wiederaufbauleitung nach der Hitlerzeit vollbracht hat, das sich herzlich gefreut hat, als die Mauern fielen, die Europa bis Ende der 80-er Jahre trennten.
[Den Faust, also den Deutschen]