Für Helden/ mit allen

11. Dezember 2006

Franziska Augsteins Rezession zweier neuer Bücher zu den Geschwistern Scholl kann ich empfehlen (SZ 27-11-2006). Sie denkt, dass Sönke Zankel den interessantesten Punkt verpasst hat. Die Rezension erwähnt ein bemerkenswertes Zitat der letzten lebenden Scholl Schwester Elisabeth, das mir schon auf der Begleit-DVD zu „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ auffiel.

Elisabeth Scholl ist es wichtig, „dass Sophie und Hans keine Helden waren. Denn wenn sie als Helden betrachtet werden, dann ist das eine Entschuldigung auch für die anderen. Jeder kann dann sagen, zum Helden bin ich nicht geboren.” Dieser Satz ist auch deshalb wichtig, weil er indirekt die grundsätzliche Schwachstelle in Sönke Zankels Buch herausstellt: Wozu jungen, wagemutigen und moralisch bewegten Menschen nachweisen, dass sie keine Helden gewesen seien, anstatt sich mit der Gesellschaft zu beschäftigen, die diese jungen Menschen im Nachhinein zu Helden macht?

Wir hätten in einer früheren Version des Schlussliedes davon gesungen, dass man angeregt von Hans oder Sophie Scholl heute selbst zum Helden werden könne. Irgendwie verbietet so ein Zitat eine solche Aussage als Schussnummer eines Theaterstücks, das doch irgendwie in der Nachfolge/Erbschaft der Scholls stehen will.

Ich selber denke, es ist gerade nicht natürlich, dass jemand von sich sagt: Zum Helden bin ich nicht geboren. Gerade als junger Mensch träumt man davon, als Held in die Welt zu ziehen. Jede Abenteuerserie spielt mit dieser Masche. Vermute es war nicht die billige Entschuldigung, „ich bin nicht zum Helden geboren“, die uns von dem Text Abschied nehmen ließ, sondern mehr der viel zu weite und schwammige Begriff eines Helden. Oder nur die demaskierten Helden dieses Jahres: ein Spitzen-Radprofi, ein ehemaliger Bundeskanzler. Weitere Beispiele liegen auf der Hand.
Auf jeden Fall sind im Schusslied jetzt die Versager und zu kurz Gekommenen, die Bettler an den Münchner Kirchentüren, einfach mit dabei. So wie man sie alle im Umkreis des Jesus von Nazareth kennt: die korrupten Beamten, die Fischer, die ihre Familien alleinlassen, die Dirnen, die Behinderten, verrohte Soldaten, Landarbeiter, wunderbare Frauen und Männer und andere, die nur am Geld oder ihren eigenen Ideen kleben und dafür über Leichen gehen: im Lied „mit allen, die kazets bauen“ – einschließlich denen, die untätig zuschauen, wenn andere am Bauen sind.

„sieh in dich“ – wenn du beten willst, Almosen geben willst, fasten willst, dann geh in deine Kammer … (vgl. Mt 6)

„du zeigst mir dein gesicht, ich zeig dir mein gesicht“ – es gibt Extra-Gehirnregionen für die Gesichtserkennung, gleich zwei, eine für Namen und Geschichten, die zweite für Emotionen, die man mit den Gesichtern verbindet – Konfrontation ist überlebenswichtig, deshalb spielen wir ein Theaterstück, das mit dem Leben der Schollgeschwister konfrontiert.

Wir hören dann auf mit einem fast wörtlichen Zitat aus der Bergpredigt, sie hören nur die engsten Jünger – aber sie ist auf dem Berg gesprochen, eigentlich für alle. (So interpretiere ich jetzt mal die Location, wie sie im Matthäusevangelium angegeben ist.) Der Liedtext am Ende lautet also, unterlegt mit „sieh in dich…“

Wer nach dem Schatz sucht, wird ihn finden
Wer ihn entdeckt, verkauft sein Gut
Gibt all das Seine, kauft den Acker
Du kleine Schar, komm habe Mut

Das Königreich Gottes ist da, ein reicher Schatz, der für dich in der Welt lauert, ist da, du musst ihn nur suchen – und dafür auch etwas riskieren. — (Ich bin immer noch ziemlich überzeugt, dass es für mich eine Stufe zu hoch ist, einen Liedtext über die Bergpredigt zu schreiben. Man sollte sie wohl zuerst versuchen zu leben, und damit bin ich noch lange nicht fertig.)


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