Zeitungsbericht Mindel- und Zusambote
7. Dezember 2006
Matthias Zimmermann hat mir dankenswerterweise seinen Artikel über unser Theaterstück, wie er im Mindel- und Zusamboten veröffentlicht wurde, zugeschickt. Mit seiner Erlaubnis darf ich ihn hier veröffentlichen.
Leben in Wahrheit
Katholische Jugend Thannhausen begeistert mit anspruchsvollem Theaterstück
Thannhausen.
Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Saal und stehende Ovationen für die jungen Schauspieler – die Premiere des neuen, selbstgeschriebenen Theaterstücks „Fangt uns doch“ am Samstagabend im Thannhauser Pfarrsaal war für die Katholische Jugend (KJT) ein voller Erfolg.
Nur drei Monate Zeit hatten die fast 40 Schauspieler, Techniker und sonstigen Helfer um den Autor des nachdenklich stimmenden Stückes, Matthias Rugel, dann mussten die Proben abgeschlossen sein und die aufwändige Bühne stehen. Was sie in dieser kurzen Zeit geleistet haben, dürfte landkreisweit einmalig sein. Über zwei Stunden folgte das Publikum der Theatertruppe bei der Premiere durch die anspielungsreiche Szenenfolge, ohne Anzeichen der Ermüdung zu zeigen. Damit war klar, dass die Truppe das Anliegen des Stückes auf eine eindringliche Art verständlich machen konnte: Wieso entschieden sich einige (wenige) Menschen während der Nazizeit zum aktiven Widerstand gegen ein totalitäres, also alle Lebensbereiche umfassendes, Terrorregime – und wieso tat dies die Mehrheit nicht?
„Wie es kam, dass Hans und Sophie Scholl gegen die nationalsozialistische Diktatur aktiv wurden“ ist der Untertitel des Stückes und der Weg zu dieser unumkehrbaren Entscheidung führte, wird durch eine Folge lose miteinander verbunden Einzelszenen in drei Akten vor dem Publikum ausgebreitet. Jürgen Steber komponierte und arrangierte eine Reihe von Liedern, die auf beeindruckende Art immer wieder an Schlüsselszenen die gesprochenen Textteile unterbrechen und so für eine wohl austarierte Spannung sorgen.
Bei der hervorragenden Ensembleleistung fällt es schwer einzelne Schauspieler gesondert hervorzuheben. Aufgrund ihrer zeitlich langen und schauspielerisch ausdrucksstarken Bühnenpräsenz bleiben aber die Auftritte der von Theresa Mayer und Sebastian Lober dargestellten Hauptfiguren Sophie und Hans Scholl besonders tief im Gedächtnis haften. Ohne die Leistung der anderen Schauspieler zu schmälern sei auch auf die beklommen machende Darstellungskunst von Florian Brustkern verwiesen, der in drei Nebenrollen, als „Grübelteufel“ „Staatspolizist“ und „Frontsoldat“ auftritt.
„Dieser Krieg ist (wie alle bedeutenden Kriege) seinem eigentlichen Wesen nach ein geistiger; …-und dieser Krieg ist im Grunde ein Krieg um die Wahrheit“, zitiert das Programmheft zum Stück aus einem Brief von Hans Scholl. Und dies lässt sich wohl als eine der Kernbotschaften aus dem Stück lesen. Wer die Wahrheit in ihrem ganzen Wesen erkennt, Wahrheit im Sinne von „wahrhaftem Leben“ oder gerechtem und moralischem Leben, kann sich nicht zum Werkzeug des Unrechts machen lassen.
Wie aber die Wahrheit erkennen, in einem System, das alle Wege zu ihr, die Kunst, die Wissenschaft, ja sogar die Freundschaft und die persönlichen Beziehungen zwischen den Menschen ganz für sich vereinnahmt hat? Die Antwort auf diese Frage erschließt sich von ihrem Ende: Das System verliert seine Macht über alle Individuen, wenn sie sich ihm in letzter Konsequenz verweigern. Dann ist der Mensch wirklich frei und kann ein Leben in Wahrheit führen. Doch der Preis dafür ist hoch: Er kostet Hans und Sophie Scholl das Leben. Aber diese Erkenntnis, so kann man das Stück deuten, ist es, die den beiden Widerstandshelden die Angst vor dem Tode nahm und sie zu ihren Taten befähigte.
Nach der philosophischen Denkarbeit, die dank der scheinbar mühelosen Vermittlung durch die überzeugende Schauspielgruppe, leicht viel, konnten alle Beteiligten ihren verdienten Lohn in Form minutenlangen Applauses und stehender Ovationen am Ende der Premiere entgegennehmen.
Matthias Zimmermann