Kammerspiele München und Dekalog
6. Dezember 2006
In München geh ich recht gerne in die städtischen Kammerspiele. Fourore machte dort das Theaterstück „Die zehn Gebote“, das inzwischen schon im dritten oder vierten Jahr auf dem Spielplan ist und manche Preise gewonnen hat. Die Szene in unserem Stück Carl Muth die Belagerung des Söflinger Pfarrhauses inszeniert, hat sich von dort her inspirieren lassen (wenn wir es auch natürlich nicht auf Kammerspielniveau gebracht haben). Was ich zu kopieren suchte, nennt eine Rezensentin des Münchner Merkurs „episches Theater“.
Entdeckte heute, dass dieses Stück am 8. Januar wieder einmal gegeben werden wird. Genauer gesagt sind es 10 sehr intensive Theaterstücke, die hintereinander aufgeführt werden (manche von den Stücken hängen locker zusammen). Ein jedes Stück spielt im Polen der 80-er Jahre und hat (meist irgendwie versteckt) mit dem biblischen Gebot mit der entsprechenden Nummer zu tun. (Das griechische Wort für zehn Gebote ist übrigens Dekalog(os).) Das Sonntagsblatt schreibt:
Die Widersprüche und Konflikte des Lebens durchdekliniert und seine Nuancen betont hat der polnische Filmemacher Krzysztof Kieslowski in seiner künstlerischen Aufnahme der Zehn Gebote, die als Vorlage für das vom Niederländer Johan Simons inszenierte Bühnenstück diente [...]. Kieslowski erzählte in der Fernsehreihe »Dekalog« (Polen, 1988) zehn Geschichten aus dem Warschauer Alltag, die mit den mosaischen Geboten nur lose verknüpft sind. In den Episoden stehen die Figuren in außergewöhnlichen Situationen, die ihnen problematische Entscheidungen abverlangen.
In »Dekalog 2« (Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen) steht ein Arzt vor dem Dilemma, die Überlebens-Chancen eines Schwerkranken zu beurteilen. Dies fordert die Frau des Patienten, da sie ein Kind von einem anderen erwartet und es abtreiben will, sollte ihr Mann genesen. Der Arzt kommt ungewollt in die Gott ähnliche Rolle des Richters über Leben und Tod. International bekannt geworden sind die Langversionen des fünften und sechsten Gebots, »Ein kurzer Film über das Töten« und »Ein kurzer Film über die Liebe«.
Ich zitiere einen Kommentar zur Münchner Inszenierung aus der Kammerspiele-Website des Stückes:
Schmerzend schöne Bilder aus einer zwischenmenschlichen Eiszeit, die wie überbelichtet wirken in ihrem unerbittlich Gleißen, so dass man die Augen zusammenkneift, um nicht schneeblind zu werden.
Dieser Kommentar aus der Süddeutschen Zeitung greift die Wucht dieses großen Stückes auf, ist aber meines Erachtens ansonsten ein ziemlicher Blödsinn. Warum sieht der Rezensent nicht, dass da kein Muss-Satz als Gebot im Raum steht, sondern die besorgt-großherzige Bitte: „Du wirst doch nicht einer sein wollen, der mordet“, „Du wirst doch bitte, bitte, selbstverständlich und selbstverständlichst nicht einer sein wollen, der die Frau seines Nachbarn verführt“. O.k., ein bischen mag man ja Religion ernstnehmen, meint der offizielle Beschreibungstext der Kammerspiele:
Wir leben in dem Paradox, daß Religion wieder die Weltpolitik bestimmt, aber wir in unserem privaten Leben moralischen Kategorien und religiösen Fragen zutiefst mißtrauen. Die Zehn Gebote „spielen“, bedeutet vielleicht dieses Paradox zu zeigen.
Religlion ist wieder wichtig nach dem 11. September, Gebote sind angeblich wieder wichtig nach dem 11. September, (in Deutschland eigentlich ununterbrochen seit dem Holocoust,) aber persönlich will ich das nicht an mich heranlassen. Ich will mir nicht sagen lassen, dass Gott gut ist, die Lösung meiner Probleme weiß, mich nicht entmündigt, dass er verzeiht. Entsprechend der niederländische Regisseur Johan Simons im Interview (wieder im Sonntagsblatt):
*** Warum sind die Zehn Gebote für Sie ein aktuelles Theater-Thema?
Simons: Die Zehn Gebote sind in der heutigen Gesellschaft absolut notwendig – weil Kultur nur eine dünne Haut ist.
*** Religion hat offensichtlich wieder an Bedeutung gewonnen.
Simons: Das Thema liegt in der Luft. Der Islam zwingt uns, unsere christliche Geschichte zu überdenken. Wir haben immer gedacht, unser Glaube wäre der beste. Holland und seine Kolonial-Geschichte sind da ein Beispiel. Dann sind wir vom Glauben abgefallen. Aber auf einmal steht der Islam vor uns. Wir brauchen eine Rückbesinnung, müssen nachdenken über den Individualismus, den Humanismus.
*** Gibt es in Ihrer Inszenierung einen moralischen Standpunkt, eine Wertung?
Simons: In den Zehn Geboten fehlt ein Gesetz »Liebt einander«. Kieslowski hat aus dem Dekalog aber Geschichten über das Lieben und das Mitgefühl gemacht. Die Moral ist bei ihm offen. Das Publikum soll selbst einen Standpunkt einnehmen. Mich interessiert die Schwachheit von Menschen, nicht ihre Schlechtigkeit. Schwachheit hat mit Vergebung zu tun. Es gehört zur moralischen Kultur, dass man Fehler vergeben kann.
Ein bischen probieren wir diesen Standpunkt im Stück. Im Lied, in dem eine Mauer zwischen Hans und Sophie Scholl steht, entwickelt sich aus Anlaß einer zum Alltag gewordenen Übertretung des fünften Gebots: Du sollst nicht töten. Die Geschwister machen sich zunächst gegenseitig Vorwürfe: Hans, du machst doch beim Krieg mit! Sophie, ich werde dazu gezwungen, aber du gehst freiwillig zum BDM. Einen Ausweg aus dieser Situation, die leicht zur „zwischenmenschlichen Eiszeit“ werden könnte, singt Sophie: „sie sind doch menschen. sie alle sind besser und halten nur still“ – und sie sucht dann den Fehler bei sich „es tut so weh. warum tu ich nicht was ich will“. Bald darauf spricht sie Gott an „vergib vertane zeit. mach doch das herz mir leicht.“ Dass es ihn gibt und dass er vergibt beweist seine Schöpfung, von der der folgende Refrain singt „gottes geist – atom, genom und stern und all…“ – gleichzeitig bleibt sophie frei in ihrem Bemühen um einen guten Charakter: „ein harter geist – ein weiches herz“ – so singt der Chor simultan zum Refrain von der Schöpfung.
Übrigens, schon gemerkt, dass halb auf jenem oberen Theaterfoto Julia Jentsch (mit links wohl ihren Theatereltern) zu sehen ist? Julia Jentsch spielte auch die Sophie Scholl im letztjährigen Film.