Dass jemand betet, ist ein wichtiges Motiv im Stück. Zum Teil wird das in einer bildlichen oder märchenhaften Sprache erzählt. Statt direkt zu beten verwandelt sich Carl Muth in Mose, den Repräsentant Israels. Statt dass er etwas spricht, hebt er einen Stab, der einst zauberhaft das rote Meer öffnete und zufluten ließ – und bald darauf in der Wüste das lebenswichtige Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ.

Auf ein bekanntes Märchen spielt R.S. Thomas in seinem Gedicht “Folk Tale” an. (In Klammern einige Übersetzungen aus dem Englischen)

Prayers like gravel (Kieselsteine)
flung at the sky’s
window, hoping to attract
the loved one’s
attention.

But without
visible plaits (Zöpfe) to let
down for the believer
to climb up,
to what purpose open
that far casement (Fensterflügel)?

I would
have refrained long since
but that peering once (dieses eine Mal beim Spähen)
through my locked fingers
I thought that I detected
the movement of a curtain (Vorhang).

Erraten welches Märchen gemeint ist?

Ich denke Rapunzel. Ihr erinnert euch “Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter”. Ein “Fangt uns doch”-Märchen. (Schon Rapunzels Vater legt es darauf an, dass er beim Feldsalat klauen erwischt wird. Rapunzel selber singt (unbewusst) deshalb, damit sie ein(en) Bräutigam fängt.) Rapunzels Haar ist der einzige Weg, wie jemand auf den hohen tür- und treppenlosen Turm gelangen kann, in dem das Mädchen eingesperrt ist. Aber wenn der Prinz aus dem Gedicht betet (bzw. Kieselsteine zum Turmfester, zur Angebeteten bzw. zum Angebeteten hochwirft), dann kommen keine Zöpfe herunter zum Herabsteigen, der Turm scheint hermetisch abgeriegelt zu sein.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, daß er stillhielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms: aber es war keine zu finden.

Von oben ertönt ein Gesang, von oben blendet es. Aber da ist kein Weg nach oben. Gestern nicht, heute nicht, vielleicht nie. Warum trotzdem Kieselsteine hochwerfen? Weil sich dieses eine Mal, als ich mich einmal traute, durch die Ritzen der Finger direkt auf die Sonne zu sehen – vielleicht, ganz sicher bin ich nicht – weil sich da vielleicht einmal der Vorhang bewegt hat.

Sophie im Stück steht in der Kammer des Todes, muss Abschied nehmen von allen Freunden. Gleichzeitig steht sie unter “sky’s window”, dem blauen Himmel. Und dann fängt sie an, Kieselsteine zu werfen, einen nach dem Anderen, monoton, aber stetig, ihr habt den Ton gesprochen und gehört. “Hilf mir”, Du, keine Ahnung wer du da bist hinter dem Himmelsfenster, wenn du dem Augustinus geholfen hast, dem Jesus von Nazareth, dann hilf auch mir.

Das muss nicht aus großer Not gesprochen sein: Du, dessen wunderschönen Himmel ich fast jede Nacht sehen kann und schon oft gesehen habe, ich möchte es glauben können, dass man mit dir auch sprechen kann. Mehr Worte fallen nicht.

Ein anderes verstecktes Wort im Theaterstück ist eine Art Anleitung zum Beten. Die Leute, die beten, werden im Schlusslied angesprochen als “die morgens und abends über sich selber lachen”. Für den Philosophen, Metaphysiker, aber eigentlich auch für jeden Wissenschaftler gehört es zum Beruf, die Welt unter dem “view from nowhere” oder eben der Gottesperspektive zu betrachten. Dabei denkt man nicht an irgendeinen Gott, sondern daran, dass man von seiner eigenen Perspektive abstrahiert und einen allgemeinen Standpunkt einnimmt. (Einen allgemeinen Standpunkt einnehmen, das tut eigentlich jeder die ganze Zeit. Z.B. wenn man einkaufen geht, hat sich Verkäufer und Käufer schon auf einen allgemeinen Preis geeinigt, usw.). Hat man dann den allgemeinen Standpunkt eingenommen, verzettelt man sich in Einzelheiten und versucht, das Richtige herauszubekommen, zu tun, zu erwarten… Aber das alles ist nicht wirklich allgemein, nur so ein bisschen, es ist eine Kleinigkeit, “ein Stück deiner Schöpfung”, worüber man, sobald man die Existenz Gottes ernst nimmt, herzhaft lachen kann. Sobald du weißt, dass er es ist, der die Macht hat, wirklich die Macht, kann man sich herzlich freuen. Manchmal kommen einem die Tränen (wenn ich denke, dass ich in einem Theaterstück davon erzählen darf), manchmal ist es einfach nur schön (dass ich heute morgen ohne die Finger vors Gesicht zu halten in die Sonne schauen kann). Es ist ein wunderschönes Lachen. Darüber, dass es alles eine Kleinigkeit ist. Und darüber, dass es schön und gut ist, weil es geliebt wird und freundlich angekuckt wird, was ich tue. Das Lied macht den Vorschlag, man könnte doch mindestens am Morgen und einmal am Abend dieses Lachen üben.

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