Ungeheuer ist viel, z.B. der mordende Mensch
21. November 2006
Jener furchtbare Amoklauf von Emsdetten gestern passierte an einer Geschwister-Scholl-Schule. Im Schlusslied unseres Theaterstückes wird hereingerapt, dass auch Sophie Scholl auf Hitler geschossen hätte, wenn sie ein Gewehr in der Hand gehabt hätte (nachzulesen etwa bei Susanne Hirzel: Vom Ja zum Nein. Tübingen 2000). So gesehen hat sogar die Fähigkeit zum Morden auch einen Aspekt, der nicht ganz zu verwerfen ist: sich von einer Tyrannei befreien. Der Unterschied ist gewaltig, andererseits wehrte sich vielleicht auch Bastian B. gegen etwas, was er als Tyrannei empfand. Im Griechischen macht ein Buchstabe den Unterschied aus. Der eine handelte gegen die Gemeinschaft apolis, unpolitisch. Die andere hätte mit ihrem Mord für die Gemeinschaft polis gehandelt.
Wie die Geschwister Scholl kämpft Antigone aus dem gleichnamigen Drama des Sophokles gegen ein Regime, das die Würde des Menschen missachtet. Ihr Tun und das Tun der Staatsmacht beobachtet ein Chor, dargestellt durch die alten Männer Korinths. Wie in unserem Stück gibt der Chor seine Kommentare zum Stück. Weit berühmt wurde der Gesang am Anfang des zweiten Aktes. In diesem Lied steckt ein ganzes Weltbild. Ich zitiere im Folgenden die Übersetzung von Hans Jonas. Und dieses Weltbild steckt schon in den kurzen ersten beiden Gedichtzeilen:
Ungeheuer ist viel, und nichts
ungeheurer als der Mensch.
“Ungeheuer” ist Hölderlinsche Übersetzung von deina (deinos, deina, deinon), so ein Mittelding zwischen furchtbar, schreckenerregend und gewaltig, wunderbar. Im Gedicht folgen die verrückt tollen Fähigkeiten des Menschen.
Ungeheuer ist viel, und nichts
ungeheurer als der Mensch.
Der nämlich, über das graue Meer
im stürmischen Süd fährt er dahin,
andringend unter rings
umrauschenden Wogen. Die Erde auch,
der Göttlichen höchste, die nimmer vergeht
und nimmer ermüdet, schöpfet er aus
und wühlt, die Pflugschar pressend, Jahr
um Jahr mit Rössern und Mäulern.
Leichtaufmerkender Vögel Schar
umgarnt er und fängt, und des wilden Getiers
Stämme und des Meeres salzige Brut
mit reichgewundenem Netzgespinst-
er, der überaus kundige Mann.
Und wird mit Künsten Herr des Wildes,
des freien schweifenden auf den Höhen,
und zwingt den Nacken unter das Joch,
den dichtbemähnten des Pferdes, und
den immer rüstigen Bergstier.
Wenn man das so liest, dann denke ich, in all dieser Hinsicht ist nichts entscheidend neues passiert. Ob man mit dem Schiff das Meer durchquert oder mit einem Raum-”schiff” zum Mond fährt, das ist eine ähnliche Art von Herausforderung. Moderne Landwirtschaftstechnologie, Massentierhaltung und Genfood, das ist alles nichts gegen die prinzipielle Fähigkeit des Menschen Tiere und Pflanzen dazu zu zwingen, ihm zunutze zu sein. Die dritte Liedstophe:
Die Rede auch und den luft´gen Gedanken und
die Gefühle, auf denen gründet die Stadt,
lehrt er sich selbst, und Zuflucht zu finden vor
unwirtlicher Höhen Glut und des Regens Ge-
schossen.
Allbewandert er, auf kein Künftiges
geht er unbewandert zu. Nur den Tod
ist ihm zu fliehen versagt.
Doch von einst ratlosen Krankheiten
hat er Entrinnen erdacht.
Das stimmt alles noch heute. In dies alles führt eine Schule mehr oder weniger ein. Die Frage ist, was dem Mensch daraus macht.
So über Verhoffen begabt mit der Klugheit
erfindender Kunst,
geht zum Schlimmen er bald und bald zum
Guten hin.
Ehrt des Landes Gesetze er und der Götter
beschworenes Recht-
Hoch steht dann seine Stadt. Stadtlos ist er,
der verwegen das Schändliche tut.
Stadt – das ist für Sophokles der Inbegriff von Gemeinschaft. Als Stadt Athen wehrte man sich gemeinsam gegen feindliche Angriffe. Als Stadt gründete man Kolonien an den Küsten Italiens und Kleinasiens, so dass der Handel florieren konnte. Gemeinschaft in diesem Sinn sind wohl mindestens drei. Es ist zunächst ein Freundeskreis, es könnte eine Schule sein, Kirche ist Übersetzung des griechischen Wortes für Versammlung, also Pfarrgemeinde, diese Gemeinschaft könnte die KJT sein, eine Company, eine Fahrgemeinschaft, manches mehr. Warum nicht auch die Kleinstadt Thannhausen, wenn sich viele um sie kümmern. Ich schrieb ein andermal, dass für Carl Muth und seinen Kreis Europa mit seiner christlichen und humanistischen Kultur diese Gemeinschaft war. Mir scheint, dass wir keine Alternative dazu haben, dass auch die Weltgemeinschaft sich ein Gesetz und gemeinsame Werte (”Götter” bei Sophokles) gibt. Vielleicht noch praktischer: statt gemeinsamen Werten brauchen wir gemeinsame Geschichten; so wie man sich im Westen dankbar an Mahatma Gandhi erinnert, wie man einem Muslim Muhammad Yunnus für die Idee mit den Mikrokrediten überall hochschätzt und wie manche Buddhisten voller Staunen über das Gleichnis vom barmherzigen Vater sind.