Gegenwelt in Armut und Brüderlichkeit
21. November 2006
Inge Jens berichtet vom Herbst 1941, als Hans Scholl seinen künftigen Mentoren Muth und Haecker begegnete.
Zwei katholische Publizisten in deren Werk die Vorstellung von einer Gemeinschaft der Armen, der Erniedrigten und Beleidigten sichtbar wird, deren Glaubensgemeinschaft die Gegenwelt zum Reich des Bösen, der Zwangsherrschaft der Nationalsozialisten bildet.
Gleich weit entfernt von religiöser Schwärmerei und dogmatischer Enge suchten Muth und Haecker das jesuanische Ideal eines durch Armut und Brüderlichkeit bestimmten Lebens im Dienst am Nächsten, wie es - auch er Dostojewskij verpflichtet! – der Renouveau Catholique von Bloy bis Bernanos in der Literatur entworfen hatte, für die politische Realität, das Leben unter dem Nationalsozialismus, wirksam zu machen und christliche Kultur – Muths altes, in seiner Zeitschrift „Hochland“ vertretenes Programm – zur Welt hin zu öffnen. Im Zeichen der christlichen Soziallehre sollten die Lebensanweisungen von Bibel, Theologie, Philosophie und Literatur der Herausbildung einer menschlichen Gemeinschaft dienen, die auf der gerechten Teilhabe aller an den Gütern dieser Welt beruhte – einer idealen Sozietät, die mit der bestehenden Herrschaft des Antichrists konfrontiert wurde.Carl Muth wurde für Hans Scholl und über ihn hinaus für den Kreis der „Weißen Rose“ nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil er es verstand, die religiös-literarische Unterweisung auf die – eschatologisch gedeutete – Gegenwart: die sicher erwartete Niederlage der Deutschen und die sich aus dieser „rettenden Katastrophe“ ergebenden Konsequenzen, zu beziehen. Ohne die Begegnung mit den Mentoren aus dem Münchner „Hochland“-Kreis – das scheint mir sicher – hätten die Flugblätter des Sommers 1942 nicht entworfen werden können. Über die ‚Weiße Rose’ in Die neue Rundschau 95.I. 1984, 193-21.
Mit dem apokalyptischen Blick auf die Zeit, der tatsächlich die Flugblätter bestimmt, kann ich für heute wenig anfangen. Sprich, die Teufel im Theaterstück werden dieser Dimension nicht gerecht. Ich fühle mich nicht imstande das, was schiefläuft, heute so einfach an einer Person und dieser oder jener Institution festmachen. Dennoch fasziniert mich die Idee einer Gegengesellschaft in Armut und Brüderlichkeit.
Hintergrund zu all diesem findet sich in den Anmerkungen von Inge Jens zu den Briefen und Aufzeichnungen von Hans und Sophie Scholl, 318-320 und 353-354. Auf Seite 328 ein Zitat aus einem Brief an Otl Aicher vom 18.2.1942, der Muth ein Exemplar des Windlicht, einer kleinen Zeitschrift des Freundeskreises geschickt hatte:
In der verflossenen Woche übergab ich ihm [d.h. Hans Scholl] das Exemplar des ‘Windlicht’, das Sie mir zu schicken die Liebenswürdigkeit hatten. Mehreres darin war mir bereits bekannt. Ich bin erstaunt, wie Sie, mein lieber junger Freund, das alles leisten können in einer Umgebung, die doch alles andere als geistig ist. Mit der Armutsfrage haben Sie in ein Wespennest gestochen, und so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie nächstens von ergänzenden und widersprechenden Repliken umschwirrt werden. Diese Auseinandersetzungen sind gut, besonders, wenn sie dahin führen, dass alle Beteiligten daraus den Gewinn ziehen, die Frage mehr und mehr und sogar ausschließlich im Lichte des Evangeliums zu sehen.
Warum ist Armut ein Wespennest? – Weil sie für gewöhnlich den Charakter verdirbt. Anders, wenn man sie freiwillig annimmt. Aber dann ist es keine Armut. (So jedenfalls die deutsche Ärztin und Ordensfrau Ruth Pfau über ihre Armut in Pakistan. So arm wie die Leute dort kann sie gar nicht werden, schon wegen ihrer Bildung und ihrer Herkunft.)
Armut im Sinn des Evangeliums?
Ich rate, was Muth damit meinen könnte. Arm sein heißt sich von Gott beschenken lassen? Sich wie die Lilie auf dem Feld fühlen, oder nur sie voller Freude betrachten (Ich sah heuer welche auf den Öko-Feldern und weil man sie mir zeigte.) Nicht darauf kucken, was man nicht hat und was man noch haben könnte, sondern stauen über alles was ist. Nicht über die (angeblich) schlimmen Zeiten klagen, sich selber nicht schlecht reden, keine Angst vor der eigenen Zukunft haben, sondern glücklich sein über die guten Zeiten (zu denen ich fast immer irgendwie Zugang habe), glücklich sein über das, was man kann und ist. (Viele Leute, Pfleger und Bewohner in Ursberg können das, wenn man sie so ankuckt, ohne jede Schwierigkeit.) Entdecken, dass das, was man kann und ist, nicht extra viel ist, und doch dabei glücklich sein, weil Gott ja das Gute schenkt und nicht ich es machen muss.
Ich vermute, dass ich höchstens ein Zwiebelchen der Antwort erfasst habe. Aber immerhin. (Aus Zwiebelchen wachsen Blumen, zum Zwiebelchen vgl. aber vor allem jene Sage aus Dostojewski “Die Brüder Karamasow”.)