Wenn die Einigung Europas schon 1918 gekommen wäre…
20. November 2006
Bin sehr dankbar für die beiden ersten Aufführungen, unter anderm Reissi als Carl Muth ist richtig gut rübergekommen. Furchtbare Analyse, dass da ein Krieg, heute der erste Weltkrieg genannt, nur deshalb aufhört, “weil sich die Völker erschöpft fühlen”, dass trotz Friedensschüssen die Feindschaft nur verstärkt wurde. Und dann im Jahr 1918 die Vision malen von einem geeinten Europa. Und von der gegenseitigen Liebe der Völker reden. (Und wäre uns in Europa nicht vieles erspart geblieben…)
Nach dem zweiten Krieg hat es dann plötzlich geklappt (Deutsch-Französische Freundschaft, die Aufbauarbeit dieser Kernachse in Spanien, Portugal, Griechenland, die Integration der Ostländer). Man darf stauen, dass wir heute die Franzosen mögen, die Italiener sowieso, gestern noch selbstverständlich beim Griechen zum Essen waren. Ich zitiere meine Quelle zu jenen Geschichten: Ackermann, Konrad: Die geistige Opposition der Monatsschrift Hochland gegen die nationalsozialistische Ideologie, München 1965 (26-7). Ackermann erzählt vom Hochland nach 1914 (und den Hochlandautoren Scheler, Mausbach und Muth selber):
[Hochland nach 1914] Die Beiträge Max Schelers insbesondere bildeten den Mittelpunkt des Denkens um eine geistige und soziale Neuorientierung Europas. Ein geistiger und politischer Wiederaufstieg des alten Kontinents heißt es darin, setze einen gerechten Frieden, nicht bloßen Machtausgleich, Zusammenarbeit an Stelle eines Gegeneinanderlebens voraus. Die Wege dazu ergeben sich aus der Erneuerung der religiösen und geistigen Werte der Vergangenheit, das heißt aus der Hinwendung zu antiken und christlichen Bildungswerten. Sind die Werte der Antike auch nicht mehr ‚allgemein menschlich normativ’, so sind sie es doch europäisch. Und dürfen sie auch nicht mehr absolute Vorbilder genannt werden, so sind ‚sie doch gemeinsame notwendige Orientierungspunkte, Leuchttürme für alle europäische Völker, nach denen sie hinscheuen sollten’ (Scheler in Hochland 15 (1918), 499ff., 665) Das Christentum aber muss mit seiner Idee der gegenseitigen Liebe die europäischen Völker von innen her zur Gemeinsamkeit führen.
Nach Mausbach erscheint der Krieg im Lichte der ethischen Kultur als ein ‚unbegreiflicher Gegensatz zur Verfeinerung und Vergeistigung des modernen Lebens und der christlichen Humanität’. Auch vom Standpunkt des göttlichen Vorsehungsplanes aus sei der Krieg sinnlos und nur aus der Freiheit des Menschen auch zum Bösen verständlich. Es müsste wenigstens aus dem tragischen, blutigen Ringen die Einsicht reifen, dass die Aufgabe der Völker darin bestehe, die Menschheit in eine Ära des geordneten Rechts und Friedens zu führen. In diesem Sinne erwartete auch Muth (Hochland 15, Zum vierten Kriegsjahrgang, 1), dass der Krieg die Voraussetzungen für einen Frieden schaffe, ‚der mehr ist als ein Ausgleich der Staatsklugheit, der fester gründet als auf revidierter Verfassung, der tiefer in dem Willen der Völker wurzelt, als weil sie sich erschöpft fühlen. Ein Friede aus den höchsten, weil übernationalen Motiven vermag Europa vor dem Schicksal zu bewahren, wiederum ein waffenstarrendes Kriegslager zu werden, den Aufgaben der Kultur nur im Schutze der Kanonen obzuliegen, den Gedanken der Menschlichkeit in seinen Völkern nur auf Kündigung zu dulden und zu pflegen.’
Der Friede fordere die Zusammenarbeit aller europäischen Völker, doch gelte es zunächst moralisch abzurüsten; in der Überwindung von politischem Ressentiments und in der Stärkung einer inneren Bereitschaft zum Frieden liege die wesentlichste Voraussetzung einer weltweiten Friedenspolitik. Ein ‚Pazifismus’, der die Ächtung des Krieges nicht aus sittlichen und religiösen Motiven fordert, sondern auf Grund einer veränderten Machtkonstellation Verzicht auf militärische Stärke leistet, wird jedoch mit Nachdruck abgelehnt.
[Fußnote:] Vgl. Scheler a.a.O. 499f.: ‘Ich bin und glaube mich mehr als ‘Pazifist’, da ich den wahren und allein christlichen Pazifismus ernster, friedfertiger Gesinnung noch deutlicher und schärfer möchte unterschieden und abgehoben sehen von dem Pazifismus bloßen Notstandes und der begreiflichen Furcht vor völlig unerträglichem Rüstungskosten nach dem Kriege. Nur jenen ersten Pazifismus friedfertiger Gesinnung kann ich aber als denjenigen ansehen, der innerhalb der Spannweite europäischen Wesens und Geistes als notwendige Atmosphäre jedes kulturellen Wiederaufbaues allein in Frage kommen kann. Entschlagen wir uns der Phrase des utopischen Pazifismus vom ‚letzten Krieg’, einer Phrase, die ohne Ehrfurcht vor der Zukunft der Weltgeschichte und vor der Fülle ihrer Möglichkeiten ist … Je mehr wir uns bescheiden der Phrase vom letzen Krieg entschlagen, desto unbescheidener, desto drängender sollen wir innerhalb der europäischen Kulturzone etwas ganz anderes fordern als bloße Notabrüstung, nämlich den positiv christlichen Geist wahrer und ernster Versöhnlichkeit und den Aufbau der ihm entsprechenden Rechtsinstitute.’
Was wäre eine Vision heute? -
Der Punkt ist, dass diese verhältnismäßig machtlosen Zeitschriftschreiber so eine mächtige Vision haben, dass sie (wenn auch mit einiger Verspätung und gewiss auch nicht auf vollkommene Weise) wirksam wird. Unterschätzt eure eigenen Visionen nicht!