Kommentare zur Uraufführung
20. November 2006
Hast du, lieber Zuschauer, die weiße Rose gefangen? – ich wünsch dir, du hast sie noch nicht…
Den schönsten Kommentar bekam ich schon, bevor das Stück auf der Bühne war. Ich kannte meinen Großvater väterlicherseits nicht, er ist Jahre vor meiner Geburt gestorben, bis über die 70 Jahre hinaus war er in der Schmiede tätig gewesen. Nach dem Krieg war er als Nicht-Parteimitglied ein Jahr Bürgermeister in Thannhausen gewesen. Mein Vater sagte mir, als er das Stück gelesen hatte: „Dein Großvater wäre stolz auf dich.“ Ich habe bei den lebenden Schwestern meines Vaters nachgefragt, ob das stimme. Sie sagten: Ja, dein Großvater war ein politischer Mensch.
Die folgenden Kommentare sind für Leute, die unser Stück gehört und gesehen haben, wer es nicht kennt, lese z.B. zunächst hier den Inhalt des Stückes.
An der Szene „Im Inneren des Menschen“ stießen sich, wie wir vermutet hatten, die Geister. Manche Leute sind ausgestiegen. Aber ich habe mich recht gefreut, dass andere und nicht wenige „das die Maschine und das Innere“ als den Höhepunkt des Stückes sahen. Bei Krabat hatten mich die Zuschauer überzeugt, dass wir einen Spannungsbogen hineinbekommen haben. „Fangt uns doch“ ist wohl auf seine assoziative Art der Szenenverknüpfung, seinem lockereren Handlungsfaden und den vielen Songs anders – wenn es dennoch für manchen auch ein Wurf war, umso besser.
Irritierend auch „Adam und Eva“ unter der Folie. Vielleicht war es zu einlullend, Thulla vorher noch ein Märchen erzählen zu lassen. Ich versuche zu erklären: Adam und Eva sind „Mann und Männin“, sie stehen überhaupt für den Menschen und seine Verführbarkeit, auch wenn es so unschuldig aussieht wie „Der Apfel wäre doch köstlich“ „Mmmm, also probieren wir ihn einmal.“ (Bei uns im Stück ist nur statt dem Apfel eine Pistole da.) Adam und Eva stehen dafür, dass in Sophies Traum der Mensch, die Menschheit überhaupt, eine Hautkrankheit der Seele ist.
Fasziniert haben die Lieder. Bin selber Fan von Kaschnitz „Steht noch dahin“ und Jürgens Vertonung, unserem Anfangslied. So ziemlich jeder Song war das Lieblingslied von irgendjemand. Man staunt, wie viele sich Solo singen trauen. So schon bei früheren Stücken.
Das Gesamtkunstwerk, jede und jeder in seiner Rolle, das Licht hat gestimmt, einschließlich Scanner, mich fasziniert es immer – die Tontechnik war professionell, ganz ganz selten gehört, man hätte die Sänger oder Spieler nicht verstanden – die Bühne vielseitig – und sie wurde genützt. Nicht wenige sagten uns, sie wollen noch ein zweitesmal kommen.
Mehrere haben nach dem Programmzeichner gefragt. Einige Leute sagten, sie hätten vom Lesen der Inhaltsbeschreibung vor, während oder nach dem Stück profitiert.
Warum nehmen wir es uns heraus, dass Tod und Teufel da einen Handel über die deutschen Soldaten im russischen Winter abschließen? Das ist vielleicht nicht ganz glatt. Erstens, weil der Tod doch sagt, er sei nicht böse. Zweitens, woher will ich von solchen Zusammenhängen wissen („Hat die KJT da einen besonderen Draht nach oben?“). Versuchte Erklärung: der Tod weiß alles, spielt aber das Spielchen mit, dass die Teufel das ihre tun (als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft“). Der Tod selbst hat lange nicht so viel Macht, wie die Teufel glauben.
Als sympatisch wurde empfunden: dass wir die Nazi- und Kriegsgewalt fast nicht durch feindliche Personen darstellen, sondern uns auf die Protagonisten konzentrieren. Dass das Stück gegen eine gewisse Erwartung nicht schlimm ausgeht, sondern die Schußszene sogar eher zum Schmunzeln einläd.
Zur Botschaft des Stückes hörte ich: es sei „Verkündigung“, oder: wenn man schon damals, im Unrechtsstaat etwas tun und auf die Füße stellen konnte, wieviel dann erst im heutigen Rechtsstaat? Auch mal etwas über einen Entscheidungsprozess, was ja der Titel andeutet.
Einerseits ist das Stück weit weg von mir, sozusagen ein erwachsenes und selbständiges Kind. Andererseits fühle ich sehr mulmig, irgendwie ist das Ganze auch mein Psychodrama.
Was werde ich meine Zuschauer noch fragen:
Was passiert eigentlich im Schlusslied? Warum die blaue Wölbung über der Bühne im dritten Akt? Was ist die Spiritualität dieses Stückes (sollte es irgendwelche haben – das vielleicht schon, ich denke, auch Rasenmähen und wissenschaftliche Arbeit haben je ihre eigene Spiritualität.)? usw.
