Kriegsgedichte

13. November 2006

Domi und ich haben gestern für das Programmheft für jeden Akt ein Gedicht gesucht. Zum ersten wählten wir „Feiger Gedanken“ von Goethe, wozu es ja schon einen Blogeintrag gibt. (Schließlich ritzte Hans Scholl den Satz mit „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten“ in seine Gefängniszelle, bevor er abtransportiert wurde.) Zum letzten Akt fanden wir das Gedicht vom Tod, das Matthias Claudius schrieb:

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,

Tönt so traurig, wenn er sich bewegt

Und nun aufhebt seinen schweren Hammer

Und die Stunde schlägt.

Für den zweiten Akt suchten wir ein Gedicht, das die Schrecken des Krieges beschreibt. Wir beschlossen schließlich, wir schreiben kein Kriegs-Gedicht ins Programm. Unser Favorit wäre das folgende gewesen.

Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf.
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.

Es stammt von Alfred Lichtenstein aus dem Jahr 1914. Im selben Jahr noch platzten an seinen Häuptern die Granaten und er fiel an der Somne. Eine kleine DLF-Interpretation des Gedichts hier.

Unter dem Titel Kriegslied, wie wir ihn auch gern für unser „Lied vom Krieg“ verwenden, ist berühmt das Gedicht „’s ist Krieg“ von Matthias Claudius (Link mit Interpretation).

Das erste überlieferte Anti-Kriegsgedicht ist meines Wissens von Archilochos (ca. 650 v. Chr.), der erste Lyriker, der überhaupt Persönliches erzählte. Als er hinter dem Busch verschwand, wurde ihm der Schild geklaut. Aber anstatt über die verlorene Ehre zu klagen, ist der Krieger in Archilochos Gedicht glücklich, dass er nicht mit dem Schildräuber kämpfen musste und so kauft er sich selbstbewusst einfach einen neuen Schild. Letztes Jahr erst wurden neue Texte entdeckt, in denen Archilochos die Flucht bei Niederlage im Krieg rechtfertigt.

Wen bewegen andere Kriegsgedichte? Und welche?

2 Responses to “Kriegsgedichte”

  1. fangtunsdoch Says:

    Meinem meistbesuchtesten Eintrag (vermute viele brauchen Kriegsgedichte für die Schule) ein Zusatz. Ich kannte nicht das angeblich berühmte „Alle Tage“ von Ingeborg Bachmann. Text und Interpretatition vorgestern im DLF
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/587464/
    Die DLF Deutung verstehe ich nicht ganz: Meine Deutung wäre die: Irgendwie arrangiert sich sie die Dichterin damit, dass auch heute eine Art Krieg ist, in dem man die Helden, sprich die Profiteure, gar nicht kennt. Schließlich kann man den Stern der Hoffnung mit sich herumtragen, nonkonform sein, sabotieren (muss man das wirklich?). Aber eine Tugend des Soldaten bleibt wichtig: Tapferkeit.

  2. fangtunsdoch Says:

    Noch ein Gedicht zum 30 jährigen Krieg. Natürlich hätte man es wissen müssen, im 20. Jahrhundert in Europa, Japan, Kongo…

    Abgedanckte Soldaten.
    Von Friedrich von Logau

    Würmer im Gewissen /
    Kleider wol zerrissen /
    Wolbenarbte Leiber /
    Wolgebrauchte Weiber /
    Ungewisse Kinder /
    Weder Pferd noch Rinder /
    Nimmer Brot im Sacke /
    Nimmer Geld im Packe /
    Haben mit genummen
    Die vom Kriege kummen:
    Wer dann hat die Beute?
    Eitel fremde Leute.

    Link und Interpretation auf
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/963410/


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