Manchereins tut sich schwer, die Mittelszene im dritten Akt zu verstehen. Ich selbst habe manchmal Befürchtungen, dass die Szene „Das Innere des Menschen“ esoterisch wirkt. Esoterisch heißt geheimwissenschaftlich. Gegen Esoterik und Nichtverstehen gibt es ein (gemeinsames) Gegenmittel: Aufklärung. Wieder einmal ein Versuch, aufzuklären, was unsere Szene beabsichtigt:

Im Inneren GehirneIch will also in der Szene „dunkle Kammer“ bzw. „Das Innere des Menschen“ erzählen, dass Hans und Sophie Scholl in den Stürmen des Lebens Gegenwind haben. Schließlich wird es geisterhaft und gruslig. Bis sie erahnen, dass das, was ihnen geisterhaft vorkommt, ihr Freund ist, Jesus, der auf dem Wasser geht und ihnen zuruft: „Habt keine Angst! Kommt mir doch entgegen!“ Da gehen sie raus, setzen alles auf eine Karte. Das klappt ein wenig, aber dann sinken sie doch ins Wasser ein. Ihr „Hilf mir“ – Ruf nimmt einen verzweifelten Tonfall an. Aber in demselben Moment nimmt sie Jesus bei der Hand, zieht sie heraus, und fragt, warum sie nicht weitergelaufen sind, wie es doch normal gewesen wäre.
Und die beiden Kinder Hans und Sophie können nicht mehr anders als jubeln. Sie kugeln sich auf dem Boden, und gleichzeitig fallen die beiden erwachsenen reifen Menschen nieder auf den die Erde, stehen würdig auf und rufen ohne Worte zu gebrauchen: „Groß bist du Gott, und höchsten Lobes würdig.“

[Spätestens ab jetzt ist dieser Artikel vor allem für Leute, die das Stück kennen]
Noch genauer die Parallelen:
Gegenwind = die Leute werden in die Maschine gezwungen
Geisterhaft und gruslig = was auf der Maschine transportiert wird
Jesus = Stimme aus dem Off

… jetzt hab ich schon wieder Bammel, dass ich zu viel oder falsch erkläre. Es ist doch vollkommen unpassend, anmaßend unfair, oder einfach nur falsch, dass ich Jesus auftreten lasse.

Mir ist nicht ganz wohl, wenn ich hier sage, dass ich rein das Evangelium nacherzählen will.
Einerseits könnte man sagen, das kennen wir doch schon, warum erzählst du uns altbekannte Geschichten. Geschichten, die gar nicht unbedingt so passiert sein müssen, die vielleicht unmöglich passieren können, weil du meinst, das kann gar nicht klappen, dass ein Mensch auf dem Wasser geht. Wegen solchen Überlegungen hab ich schon oft abgeschaltet, wenn mir jemand vom Evangelium erzählen wollte. Aber gegen diese Argumentation kann ich im Zweifelsfall gegenhalten.
Es ist eine zweite Überlegung, die mir den Mund versperrt, dass ich mein Verständnis dieser Szene vielleicht nicht klar genug gemacht habe und vielleicht auch jetzt noch nicht klar genug sage. Mir scheint, mein Stück scheitert an diesem Anspruch, das Evangelium richtig zu erzählen. Schlimmstenfalls in einem solchen Maß, dass es besser wäre, das Stück gäbe es nicht. So in der Art, wie es Werner Scholl in dieser Szene sagt:

Nichts tun wir richtig. Wir studieren nicht richtig, wir arbeiten nicht richtig. Wir haben nie Ruhe und legen den Mantel nie ab. Wir machen beim System mit und tun nichts dagegen.

Ich bin ja auch nicht allein mit diesem Scheitern. Das ist das typische Problem, wenn jemand die Bergpredigt umzusetzen versucht. Und nicht nur in dem Sinne, dass man hinter den Ansprüchen (radikal verzeihen, sich als Erbe des Landes fühlen, wenn man gerecht handelt, das verführende Auge ausreißen u.a.) zurückbleibt, sondern auch, wenn man sie wortwörtlich erfüllt – wie Otl Aicher, als er sich als Jugendlicher selber verstümmelt, um nicht dem dämonischen System dienen zu müssen. Er findet, so verstehe ich sein späteres Schweigen, sein Leben lang kein gutes Verhältnis zu dieser Tat.
Das Stück will also ein Evangelium (eine frohe Botschaft) bauen, aber es scheitert daran. So wie es im Lebensplan eines jeden Christen steht: Ich will die frohe Botschaft von Jesus in die Welt bringen, aber es klappt nicht.
Trotzdem: viel lieber eine große Aufgabe und daran scheitern, als dass man eh schon weiß, was kommt.

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