Die Angst vor dem Tod
13. November 2006
Ich hätte die Szene vom „Inneren des Menschen“ nicht so geschrieben, wie ich sie geschrieben habe, hätte ich nicht unteren Text des Münchner Aidsseelsorgers und Hospizarbeiters Thomas Schwaiger gelesen. Der Mann hat viel Erfahrung mit Sterbenden gemacht und mein Buch des Jahres 2005 geschrieben. Er hat sehr viel von Sterbenden und der Nähe zum Tod gelernt.
Ich weiß ja nicht, wie es euch mit meinen Texten geht. Falls ihr manches nicht verstanden hat, hilft es vielleicht, wenn ich sage, ich verstehe bei dem unteren Text beim ersten Lesen nicht viel, beim zweiten wird er dann aber wunderbar toll. (Soweit man das beim Thema Tod uns Sterben sagen kann.) Der ganze Rest dieses Blogeintrages ist der ungekürzte Text aus dem Christlichen Totenbuch S. 82-84 (mit weniger Variation in den Schriftarten wie im Original):
Die Angst vor dem Tod
Warum es nichts zu erreichen
und alles zu bestehen gibt
Wo der Mensch unverhüllt dem Letzten begegnet, ist er in die Angst gestellt, in die Angst vor dem Tod als letzter Wirklichkeit weltlichen Daseins: „Gott soll nicht mit uns reden, sonst sterben wir.“ (Exodus 20,19)
Nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten. Spät am Abend war das Boot mitten auf dem See, er aber war allein an Land. Und er sah, wie sie sich beim Rudern abmühten, denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache ging er auf dem See zu ihnen hin, wollte aber an ihnen vorübergehen. (Markus 6, 46-48)
Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!
Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm!
Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn. (Matthäus 14, 25-33)
Wer dem eigenen Herzen und dem, was es ersehnt, nicht ausweicht, für den mag es sein, dass seine Knie weich werden und er zu versinken droht. Gespenstisch erscheint das Leben dann, erschreckend fremd und neu, noch nicht gelebt und doch ganz wirklich.
Aus der Tiefe wird gerufen, nicht geglaubt.
MITTEN IM LEBEN
EIN SCHREI DER ANGST
Damit beginnt heilende Begegnung: im Ausdruck, was uns bewegt, im Bekenntnis, dass wir uns fürchten.
In der Nacht, im Sturm, bei Gegenwind begegnet dann dem Ausgesetzten das überraumzeitlich anredende Gegenüber: Ich bin es; fürchtet euch nicht! Komm! Verlasse das Boot und wage aus dem Selbststand zu gehen, wage das Unglaubliche, das mutige, das schier Unmögliche. Und doch ist die Angst für den, der so zu gehen beginnt, nicht gänzlich jenseits. Der Sturm ist wirklich heftig, das Leben ist wild: Jetzt, nach diesem Erfahren bis zum Letzten sind der Mensch und das rufende Wort vereint.
Wir müssen das Fürchten lernen. Die rettende Hand Gottes lässt uns die Tiefen bestehen. Davor bewahren tut sie uns nicht. Erst einmal müssen wir untergehen.
Anrede – das Wort – geschieht uns
durch das Fremde.
den Fremden,
das nicht Vertraute,
überraschende und ohne Absicherung.
Oft wild und wüst.
Es ist Ereignis,
es ist ein Geschehen
und es ist Wirklichkeit.
Es will immer neu zum Ereignis werden – und zwar sofort: Sofort (Matthäus 14, 29) streckt sich rettende Hand entgegen. Dennoch: Zuvor müssen wir aus dem sichernden Boot aussteigen. Das ist uns niemals abgenommen.