Der Geschmack der Musik
13. November 2006
Als das Carl Muths Zeitschrift Hochland 1941 verboten war, wollte Otl Aicher selbst eine Zeitschrift herausgeben, in der sich seine Freunde gegenseitig bestärkten. Er nannte sie Windlicht, weil sie den Freunden ein Licht in dunkler Zeit sein sollte. (Es war auch mal im Gespräch, dass unser Theaterstück und der Schlusssong “Windlicht” heißt.) Natürlich dachte Otl nicht an eine öffentliche Herausgabe, sondern die Texte sollten einfach unter höchstens 20 gleichgesinnten jungen Leuten schriftlich kursieren. Grogo konnte wohl manche eigenen Gedichte beisteuern, Inge schrieb lange Berichte über die gemeinsamen Skifahrten, Hans schrieb Artikel über das Turiner Grabtuch und die Armut, Otl selber schrieb einen kritischen Artikel über Napoleon und meinte eigentlich damit Hitler. (Bei uns im Stück wird dieser Artikel dem Hochland selbst zugeschrieben, da stand aber wohl kein kritischer Napoleon-Artikel.) Dieser Artikel wäre beinahe von der Polizei entdeckt worden, Inge konnte geistesgegenwärtig das Schlimmste verhindern, der Rest jener Ausgabe des Windlichts war ungefährlich. Aber es gab im Folgenden keine weiteren Ausgaben mehr.
Im Zusammenstellen des Heftes übte sich Otl im Fördern von Talenten (was auch später als Designer und Graphiker das Seine bleiben sollte.). Immer wieder bat Otl Sophie um Zeichnungen für dieses Heft. Sophie entschuldigt sich öfter, dass sie nur das kleine Nachbarskind “Dieterle” gemalt hat und sonst nichts, aber Otl ist es wohl zufrieden. Weil Sophie auch Klavier spielte und sehr gern in Theater und Konzerte ging, gab ihr Otl auch den Auftrag, einen Aufsatz zu schreiben zum Thema: “Warum hat ein Konzertabend heute einen Geschmack an sich?” Sie meint zunächst, so direkt auf die Frage könne sie nichts Richtiges sagen. Dann wird es doch ein zwei Buchseiten Aufsatz. Sie zitiert den ihr so wichtigen Satz der Nouveau Catholique (Mauritan), dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse. Dann fährt sie fort:
Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich hart geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen. (Sophie Scholl an Otl Aicher, Januar 1942)
Anschließend folgen spöttische Ausführungen, dass der normale Bildungsbürger sich durch ein Konzert überhaupt nicht anrühren lassen würde. Der Aufsatz endet aber damit, dass Sophie sich in die gewöhnlichen Menschen, über die sie da erstmal gelästert hat, einzufühlen versucht. Sie fragt: Warum haben sie keine Hunger nach dem Geistigen? Und sie endet mit einer Meditation, dass nichts wäre, würde Gott nicht jederzeit die Menschen nähren. (Ich zitiere aus dem Kopf, bitte im Zweifelsfall verbessern.)
Hinter dem Zitat könnte das folgende Menschenbild stecken: Die wichtigsten Organe für das gute Leben sind der menschliche Geist, sozusagen das Gehirn, und das menschliche Herz. Herrschen soll dabei der menschliche Geist, der Verstand, die Worte, der Sinn. Zunächst klingt aus Sophies Text eine Abwertung der Musik, der Emotionalität, der Herzensangelegenheiten. Sie hat nur die zweite Stelle, wenn es spitz auf Knopf steht. (Habe mir einmal eine Zeitlang überlegt, ob es andersherum sein könnte, denke aber tatsächlich, dass diese Rangordnung, wie sie schon Platon aufgestellt hat, richtig ist. Die Vernunft soll herrschen. Es ist besser, nicht aus der Wut im Bauch jemand umbringen und nicht aus realitätsblinder Verliebtheit jemand zu heiraten.)
Die Musik ist wie das Wasser zum Waschen. Emotion ist Mittel zum Zweck. Aber zu welchem Zweck? Dass sie der Vernunft dient? Nein, sie macht offen, dass ich Neues hören kann, dass ich erst mitbekomme, zwischen welchen Optionen ich entscheiden kann. Wenn ich jetzt das Zitat nochmal lese, wird meine Theorie von der Herrschaft der Vernunft in Frage gestellt: Der Geist kommt von außen, der (herrschende) Verstand sagt: Nein, du passt mir nicht ins Konzept! Und der Verstand baut eine Mauer auf. Aber die Musik, wenn man sie richtig hört, spielt, singt, sie reißt die Mauern wieder ein. – Und in deinem Inneren wirkst nicht du (Mensch) selber, nicht deine Entscheidungen, nicht deine Emotionen, nicht dein Verstand und nicht deine Musik, sondern der noch viel reichere, großzügigere, phantasievollere Geist. Nach ihm hat Sophie Hunger!
Sophie, lieber Leser, lieber Matthias, ja wenn das so ist, dann fang ihn doch! catch it if you can.