Otl Aicher ist im Bereich Grafik und Design immer noch aktuell. So wurde bei einem
Workshop »MagazinGrotesk« auf den Tagen der Typografie von Christopher
Boesner ein Entwurf für ein Magazin über Otl Aicher angefertigt.
(Informationen zu dem Workshop:http://www.typosition.de/typotage2006_doku.html)

Nicht zu unrecht kritisiert Barbara Schüler und andere die historische Glaubwürdigkeit von Otl Aichers „innenseiten des krieges“ (1985), ein Lieblingsbuch von mir. Otl Aicher, der später weltberühmte Designer, damals Freund der Schollgeschwister, lässt darin beispielsweise kaum ein gutes Haar an seinen Eltern und übergeht völlig, dass er auch Geschwister hatte. Das heißt nicht, dass ihm nicht sehr viel an Schwester Hedwig (Hedl) (verheiratet) Maser, geb. 1920, lag. Die liebenswürdige Goetheumwandlung: „Der Mensch sei hilfreich, Hedl und gut“, mit der ihn seine Schwester (aus den Jahren nach dem Krieg) zitiert, zeugt davon. Ich zitiere aus einem Interview mit Hedwig Maser aus: Hochstrasser [Hg.] „Freundschaft und Begegnung. Erinnerungen an Otl Aicher“, Ulm 1997, veröffentlicht einige Jahre nach Otl Aichers Tod an den Folgen eines Autounfalls 1991:

„Er hat […] die Nähe von uns, von der Familie gar nie mehr gesucht. Er war immer woanders. Er war viel bei Scholls. Da war alles gut und recht und schön.

F: Hat er sich für seine Herkunft oder für sein Elternhaus geschämt?

A: Dazu hatte er eigentlich keinen Grund. Mein Vater war im Dritten reich so schwarz angeschrieben wie er. Selbst seine Post ist zensiert worden. Schon vom Rückblick her, als er das Buch geschrieben hatte, wusste er ja, was der Vater in der Nachkriegszeit alles ermöglicht hatte. Der Vater ist ihm in sehr vielem entgegengekommen. Er hat ihm sein Auto geliehen, so oft er es brauchte, und vieles mehr. Als die Nazis vor dem Söflinger Pfarrhaus aufmarschierten und eine Demonstration gegen den Pfarrer veranstalteten, waren mein Vater und Otl im Pfarrhaus um den Pfarrer zu verteidigen und eventuell Eindringlinge fernzuhalten. Hier lagen die beiden auf einer Linie. Otl durfte ja das Abitur nicht machen. Mein Vater und meine Mutter gingen dann zu Herrn Scholl, um mit ihm zu erörtern, was sie denn unternehmen könnten, um ihm eine Chance zu geben, das Abi machen zu dürfen. Werner Scholl nämlich durfte es machen. Obwohl er nicht mehr in der HJ war.

Als letzten Versuch unternahmen meine Eltern die beschwerliche Reise nach Stuttgart zum Kultusminister. Dort sagte man ihnen: Wer ins Theater will, braucht eine Eintrittskarte. Meine Mutter sagte dann zu Otl: ‚Dann gehst Du eben in den SA-Sturm, oder sonst irgendwo hin.’ Er aber hat das abgelehnt. Dann sagte er zur Mutter: ‚„Lieber klopfe ich Steine von Söflingen nach Ehrenstein, als dass ich wegen des Abiturs dazugehe.’ Herr Scholl sagte dazu: „Herr Aicher, seien Sie doch stolz auf so einen Sohn.“ Das war der Unterschied zwischen der Familie Scholl und der Familie Aicher.“

Die Sache mit dem Abitur ist natürlich kritisch. Willi Graf, etwas früher und im erst spät ins Reich integrierten Saarland konnte es trotz seiner Blockadehaltung gegenüber der Hitlerjugend doch machen. Ebenso wie Otl verweigerte er Eltern und Schwestern den Zugang zu seiner Welt. Otl war meines Wissens der Einzige in ganz Württemberg, dem wegen Nichtmitgliedschaft in der Hitlerjugend das Abitur verweigert wurde. Jedenfalls ist es nicht ganz gerecht, im Nachhinein die eigenen Eltern quasi als Mitläufer des Systems darstellen, wie in den „innenseiten des krieges“ geschehen. Selbst wenn er es damals so empfunden hat. Dass Otl sich vaterlos fühlte, bevor er Kontakt zu Carl Muth bekam, habe ich schon in einem anderen Eintrag erwähnt.

Ich möchte auch betonen, dass ich nur von seiner Schwester in jenem Interview etwas von Otls Selbstverstümmelung weiß. Das spricht davon, dass er vielleicht schon immer ein gutes Verhältnis zu ihr hatte. Im schon zitierten Interview erzählt sie auch folgendes:

Otl war geistig und seelisch so unfähig für diesen Krieg, dass er sich auch körperlich so machen wollte. In einem Brief vom 3. Dezember 1940 schreibt er mir nach München: ‚… ich hab mir nämlich drei Finger abgeschlagen…’ Genau berechnet fiel ihm ein Heizkörper auf die linke Hand, die er nicht so zum Modellieren brauchte.

Ich bin nicht sicher, ob diese Selbstverletzung zu einer bleibenden Behinderung wurde. Jedenfalls hat sie Otl Aicher nicht vor der Einberufung zur Wehrmacht bewahrt. In den „innenseiten des krieges“ erwähnt er die Verletzung nicht. Interessant, wie jenes Buch stilisiert. (Ähnliches tun ja auch die Confessiones des Augustinus. Hier das Thema „Gott holte mich aus diesem allem heraus“ bei Otl „So kam es, als ich mich nicht verbiegen lassen wollte“, bei allem, was nicht so gut passt, braucht man sich nicht so ganz an die Wahrheit zu halten.)

Mich interessieren Leute, die sich bei (für sie maximaler) Offenheit ihr Geheimnis bewahren. Auch sie rufen einem zu „Fangt uns doch!“

3 Responses to “otl aicher, Familie, Autobiographie”


  1. Hallo,

    wenn Sie schon Bilder anderer Urheber verwenden ohne diese zu fragen, sollten Sie zumindest die Quelle angeben. Das Foto zeigt einen Entwurf für ein magazin über Otl Aicher von Christopher Boesner, entstanden auf dem Workshop »Magazin Grotesk« (http://www.typosition.de/typotage2006_doku.html) auf den Tagen der Typografie.

  2. kjttheater Says:

    Das Bild, bzw. der Link dazu wurde inzwischen entfernt, dem Autor des Beitrags persoenlich geantwortet.

  3. kjttheater Says:

    Nach Ruecksprache koennen wir das Bild wieder verwenden – Dankeschoen


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