Es wurde auch nach dem Krieg viel Kritik am Vorgehen der Widerständler in der Weißen Rose geübt. Das geht soweit, dass man auch in christlichen Blättern, die darauf hinwies, dass ihr Widerstand nicht ethisch einwandfrei war. Wenn man eine solche Bemerkung macht und daneben verschweigt, dass auch das Verhalten der meisten deutschen Bischöfe nicht gerade ethisch einwandfrei war, ist das nicht fair. (Immerhin ist schon recht hoch einzuschätzen, dass solche Artikel das allgemeine Schweigen über Krieg und Nationalsozialismus brachen.)

Andererseits wird da immer wieder auf ein Dilemma hingewiesen. Als die niederländischen Bischöfe gegen die Abtransporte der Juden einschritten, wurden als Antwort selbst die Juden, die irgendwie von Christen versteckt werden konnten (wie Edith Stein, die damals in einem niederländischen Kloster war) in die KZs gebracht – und faktisch vielleicht niemand geholfen.

Eine, die es wissen muss, ist Sophies Freundin Susanne Hirzel. Sie war zum Teil bei den Aktionen dabei war und erzählt von einem Gespräch mit Sophie und Hans Scholl im Dezember 1942, zwei Monate vor Festnahme und Todesurteil. Sie bringt ihre Meinung mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kriegsmaschinerie durch zivile Kräfte aufzuhalten wäre.“

Dann folgt ihre Analyse:

Es war mir klar, dass das „Fernziel“ der Münchner war, Hitler zu beseitigen. Meine Bedenken glitten völlig an ihr ab. Sie lebte auf einer anderen Ebene, fühlte sich von ihrem Gewissen gerufen und hatte, so schien es mir, bei ihren Überlegungen ihr eigenes Sterben miteinbezogen. Man weiß heute von ihrem Ausspruch: „Es fallen so viele für diese Regierung, es müssen auch einige gegen sie fallen.“ – Wir trafen uns mit Hans Scholl im Café. Weil er bei Eugen Grimminger, einem Freund seines Vaters, Geld erhalten hatte, war er voll hochgemuter Freude. „Bald werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass wir von Verbrechern regiert werden. Wenn es viele, sehr viele einsehen, könnte daraus eine Tat entstehen und die Fackel, die wir werfen, könnte neue Fackeln entzünden.“ Ich hatte den Eindruck, dass er einen aus der Gesinnung vieler entstehenden Erfolg, etwa einen Aufstand mit Barrikaden oder ein Attentat, für möglich hielt und sah meinerseits eine Lücke klaffen zwischen der Meinung vieler und einem Erfolg, denn die Netze von Gestapo, SS und Polizei waren dicht und stark. Es ist im vierten Flugblatt zu lesen, nur mit militärischer Gewalt sei Hitlers Macht zu brechen; dennoch rief später das fünfte Flugblatt zur Tat auf, zu einem „neuen Befreiungskrieg“. Die Münchner Gruppe wollte durch eine Tat, um der Ehre und Moral willen, ein Zeichen setzen, auch sich selbst von der Schuld des Schweigens und der Untätigkeit befreien. Sie mussten etwas tun. Wie schon in der Vergangenheit wunderte ich mich über ihre Sicherheit. Erfüllt von der Richtigkeit ihrer Ansichten verkehrten sie nur mit Gleichgesinnten, überschätzten deren Stärke und hörten zu wenig auf Andersdenkende. Selbst mutig, erwarteten sie von anderen den gleichen Mut, kannten als junge Leute noch nicht die Schwäche der Menschen. Konnte man denn einen wahrscheinlichen Misserfolg vor den Angehörigen verantworten? (Susanne Hirzel: Vom Ja zum Nein, 181-2, vgl. 209-10)

Man stelle sich vor, dass die Musikstudentin und Chellistin Susanne Hirzel in ihrem studentischen Streichquartett offen zu diskutieren wagte, ob es Sinn macht, bei einer Flugblattaktion mitzuwirken. Das Ergebnis war, man würde nicht mitmachen, weil weil so etwas einfach keine Chance auf Erfolg hätte.

Der Text bringt mir einige wichtige Punkte:

  • Die Scholl Geschwister waren selbst in ihren besten Motiven keine Musterschüler, sondern irgendwie stallblind. (Bei jedem, der etwas tut, werden auch seine charakterlichen Schattenseiten sichtbar.)
  • Susanne Hirzel hat ihr Buch als Rentnerin geschrieben, weil sie von mehreren Seiten dazu aufgefordert wurde. Eigentlich wollte sie da nichts veröffentlichen. Sie gleicht darin dem Knecht im Evangelium, der zuerst sagt: Nein, ich tue deine Arbeit nicht – und sie am Ende doch tut (Im Gegensatz zu dem Knecht, der sagt „Ich mache das schon“ und am Ende nichts zuwege bringt.) Interessanterweise ist ihr Verhalten im Widerstand dasselbe gewesen. Eigentlich wollte sie nicht mitmachen und als es spitz auf Knopf stand, hat sie dann doch in Stuttgart Briefe mit den Flugblättern ausgefahren.
  • Alterseinsicht: die Menschen sind nicht so sehr egoistisch oder böse, sondern vielmehr schwach, verführt, wie Kinder, die keine Eltern haben und um die sich kaum jemand kümmert.

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