An Rose Nägele: „ohne Bindung dorthin steuern, wo ich es haben will“
2. November 2006
Hans Scholl kam bei Frauen wohl recht gut an, es wird aber nicht nur im neuesten Sophie Scholl Film darüber gewitzelt, dass sich oft mehrere junge Frauen gleichzeitig als seine Freundin fühlten. Die emotional und inhaltlich tiefsten veröffentlichten Briefe schrieb er Rose Nägele, Tochter einer mit den Scholls befreundeten Stuttgarter Arztfamilie. In einem neuen Sammelband spricht Jakob Knab von Rose als der „Seelenfreundin“ des Hans Scholl. Wir zitieren im Stück einen Liebesbrief, wo Hans von ihrer „Glöckchenstimme“ schwärmt und einen anderen, in dem Hans vom Konflikt zwischen Krieg und Beziehung träumt. Auch einige Briefe um die Jahreswende 1942/43, als sich Hans von Rose lösen will, werden zitiert
Wenn die wilden Tiere ihr Gewahrsam gesprengt [haben] und unters Volk gelaufen sind, muß eben jeder, der einen starken Arm hat, nach der Waffe greifen, gleichgültig, welchen Standes und welcher innerer Berufung er ist. (Hans Scholl an Rose Nägele, 14. Dezember 1942)
Ähnlich verweist der Brief vom 16.2.1943, kurz vor der Verhaftung von Hans und Sophie darauf hin, dass Hans die Beziehung eigentlich abbrechen will. Sein Brief von damals hat etwas Gewundenes. Armin Ziegler berichtet von einer engeren Freundschaft mit der Münchner Medizinstudentin Traute Lafrenz, die z.T. mit an den Widerstandsaktivitäten beteiligt war, und von Gisela Schertling (Bekanntschaft von Sophie aus ihrer Zeit beim RAD, inzwischen Münchner Studentin), dass er ihr im Januar 1943 die Ehe versprochen hat. Im Findbuch zum Nachlass von Inge Aicher-Scholl finden sich folgende Einträge bzgl. Briefen von Rose Nägele an Inge Scholl:
Brief vom 12. Februar 1943 aus Stuttgart: Sie bittet sie um Hilfe, Klarheit über Hans zu bekommen, die Gründe für das Ende ihrer Beziehung zu erfahren, die Wahrheit, um endlich aus der Ungewissheit herauszukommen. Sie schildert, wie zwischen ihnen beiden langsam eine Mauer emporgewachsen sei, nun solle sie ihn nur noch als einen Freund von vielen betrachten. Sie beschreibt ihre Verzweiflung und ihren Schmerz;
Brief vom 29. April 1943: Sie spricht über ihre Gefühle und den Trost, den sie beim Beten finde;
Brief vom 12. September 1943 aus Kirschappen: Sie berichtet von ihrem Entschluß, in Ostpreußen ihre Lehre beenden zu wollen. Sie beschreibt ihre Gefühle über den Tod von Hans und Sophie. Inge sei für sie die beste und liebenswerteste Schwester;Brief vom 23. Februar 1947 aus Murrhardt: Sie hatte beabsichtigt, ans Grab von Hans und Sophie zu fahren, doch dann habe sie die Angst vor den vielen Menschen dort abgehalten. Es seien vier Jahre mit viel Schmerz, viel Not und nur ein wenig Freude vergangen. Sie würde sie gerne einmal besuchen, aber als Freundin von damals, denn heute ginge jeder seinen eigenen Weg. Sie möchte Hans’ Mutter alle seine Briefe, die sie noch hat, schenken, verbunden mit dem Wunsch, in ihnen lesen zu dürfen um an die glückliche Zeit zu denken, um dann wieder in ihr Leben zurückzugehen. Sie erzählt von ihrem Plan, einmal nach Australien auszuwandern;
Es ist sehr bitter zu lesen, dass der Krieg auch die Überlebenden auseinander gebracht hat…
Hans Scholl möchte ich im Theaterstück nicht so sehr als Frauenheld sehen, sondern als jemand, der in kritischer Situation alles, Beziehungen, Beruf, eigene Pläne, Rücksicht auf liebe Verwandte schmerzlich (und mit zwiespältigen Gefühlen) hinter sich lassen wollte, wenn er sich für die Freiheit Deutschlands einsetzte. Als Beleg das folgende Zitat, das auch in unser Stück einging. Am 16.2.1943, zwei Tage vor der Verhaftung, sechs Tage vor seinem Tod, schreibt der 25-jährigen Hans Scholl in einem Brief an Rose Nägele:
Noch nie war meine Achtung vor Deinem reinen Herzen größer als in diesen Tagen, das das Leben zu einer steten Gefahr geworden ist. Aber weil ich die Gefahr selbst gewählt habe, muß ich frei, ohne Bindung, dorthin steuern, wo ich es haben will. Irrwege bin ich schon viele gegangen, und ich weiß es, Abgründe tun sich auf, tiefste Nacht umgibt mein suchendes Herz – aber ich stürze mich hinein. Wie groß ist das Wort Claudels: La vie, c´est uns grande aventure vers la lumiere. (Das Leben ist ein großes Abenteuer zum Lichte hin.)