Joseph Bernhart und Hochland
27. Oktober 2006
Der größte Denker aus der Thannhauser Gegend im letzten Jahrhundert war Joseph Bernhart, geb 1881 in Ursberg, gestorben 1961 in Türkheim. Seine Mutter war meines Wissens Thannhauserin . (Joseph Bernhard war zunächst katholischer Priester, dann verheiratet, zeitweise exkommuniziert, dennoch ist er katholisch geblieben. Zuletzt war er lange Jahre Witwer, hielt sich über die Schriftstellerei, Herausgebertätigkeit Übersetzungen u.ä. notdürftig über Wasser. Von seinem großen Fleiß und der Vielfältigkeit seiner Interessen zeugt seine Biographie hier.) Theo Waigel erzählt gern, wie viel er von Bernharts Schriften und deren Tiefe in seiner politischen Arbeit profitiert hat, ein Freund von mir (Thomas A.) schwärmt, er habe hier richtig interessante Dinge über christliche Ehe erfahren. Es gereicht Bernhart zur Ehre, dass er den Artikel schrieb, weswegen Carl Muths Zeitschrift Hochland letztlich verboten wurde. Mit Carl Muth verbindet ihn schon seine Studienzeit, Bernhart scheibt aus seinen ersten Semestern Theologiestudium um 1903 (als er in einem Münchner Priesterseminar wohnte):
In dem Münchner geistlichen Seminar, dem ich in den Jahren 1903 und 1904 angehörte, litten ein paar junge Leute unter geistiger Atemnot. […] [weil sie an der Uni auch nicht-theologische Fächer hören wollten oder hörten.] Die Treue zur Kirche als der Hüterin der göttlichen Offenbarung schien uns nur mögliche um den Preis des endgültigen Abschieds von der lebendigen Arbeit der Zeit, die fast in allen Dingen sich losgerissen hatte von der Glaubenswelt, die uns heilig war. Wohl sprachen es tapfere, weitblickende Männer – fast alle sind sie schon hingegangen – gerade damals aus. Was uns, die rastlos kleine Herde, im Vorgefühl gewaltiger Erschütterungen der christlichen Abendländer bedrückte, aber die Verurteilung mancher ihrer Bücher und Programme oder auch, was nicht das Geringste war, ihre schleichende Verrufung von Mund zu Mund nahm uns fast die ganze Hoffnung, […]
Vom Minderwertigkeitsgefühl der gebildeten Katholiken um Wende zum 20. Jahrhunderts habe ich schon hier geschrieben. (Einer der damals im katholischen Raum verschrieenen Autoren war damals etwa der große Philosoph der Aufklärung Immmanuel Kant.) Bernhart beschreibt, wie es ihm ging, als er erstmals ins Hochland hineinlas:
Just aus diesem Durcheinander über Ibsen, den Südpol, Kant in Frankreich, Bonifaz VIII. und Maeterlinds Monna Vanna, aus diesem aufwühlenden Vielerlei mit dem cantus firmus katholisch selbstsicheren Offenseins für alles von gestern und heute erhob sich die Verwirklichung des von manchen unter uns Jungen so innig Ersehnten. Noch heute finde ich in meinem Exemplar den Satz des Herausgebers angestrichen: In der Gewissenserforschung und Selbstkritik hätten wir uns redlich bemüht, für das tatbegierige Leben aber sei wenig geschehen.
Als gläubiger Mensch selbstsicher offen sein für die heutige Zeit ist auch heute nichts Selbstverständliches. Fest in einer Meinung oder Weltanschauung zu stehen verführt manche Leute zu festen unverrückbaren und manchmal eben einengenden Prinzipien im Umgang mit anderen Leuten. Dogmatische Scheuklappen sind heute wenigstens nicht mehr das Typische für Kirche, es gibt sie genauso in vielen Bereichen (wissenschaftliche Ideen, Betriebe, in Fragen der Freizeitgestaltung…). Wenn freilich der Glaube gleichzeitig einen extra sicheren Stand verleiht und dennoch eine große Weite verkörpert, ist das recht attraktiv. So jedenfalls nahm der Student Bernhart die Zeitschrift Hochland wahr:
Es war natürlich, dass ich den Herausgeber dieses monatlich sich neigenden Wunderhorns aus der Ferne mit dankbarem Herzen verehrte. Er kam mir vor wie einer der Philosophen-Regenten in Platons Staat, ein Wächter, der mit der kühlen Klinge seines Worts die öffentlichen Dinge selber anging, der rastlos auch die Truppen für seinen Geisteskampf aushob, spornte, stählte und die einzelne Kraft zum Besten ihrer selbst und anderer ins Ganze führte.
So jung ich war, so glühend war mein Wusch, diesem Mann zu begegnen. Das möchte sich am besten fügen, dachte ich, wenn einmal meine Hoffnung sich erfüllt hätte, selbst mit einem Wort bei „Hochland“ anzukommen. In meinem Stehpult lagen viele Gedichte, die auf den einsamen Berufsgängen entstanden waren: aufs Geratewohl griff ich eins heraus und sandte es ein.
Carl Muth lag an der Offenheit, und deshalb auch an jungen Leuten. Einige Wochen später kommt das Manuskript zurück:
Zitternd öffnete ich, das Manuskript lag nicht mehr bei, die Antwort sagte, es sein angenommen, ja sie lobte die Verse und ermunterte mich zu weiteren. […] In den vergangenen Jahren schon fast gewöhnt an Verkennungen jeder Art, war ich plötzlich mit dem Zutrauen in mich selbst versehen und wagte fortan das öffentliche Wort.
So etwas ist ein Berufserfolg für einen Herausgeber einer Zeitschrift. Er bringt ein junges Talent dazu, sich öffentlich schriftstellerisch zu äußern, und der Mann wird einmal wirklich ein Großer.
26. Januar 2007 at 2:04
Herr J. Knab teilte mir freundlicherweise mit, dass Joseph Bernhards Mutter tatsächlich aus Thannhauser war. Sie hieß Petronilla Bernhart, geb. Hillenbrand, sie wurde am 27. Mai 1858 in Thannhausen geboren.
9. März 2007 at 9:42
Hy! Habe gerade mit Freude über meinen Großvater gelesen! Herzliche Grüße Urda
9. August 2007 at 10:21
Verehrte Frau Muth,
bitte nehmen sie mit mir Kontakt auf.
Ich würde gerne wissen, wo sich der schriftliche Nachlass Ihres Großvaters Carl Muth (+ 1944) befindet.
Mit freundlichen Grüßen
Jakob Knab / Kaufbeuren
19. November 2007 at 2:35
Oh, ein Familientreffen
C.M. war mein Ur-Ur-Großvater. Hm… dürfte eine größere Familie gewesen sein…
Falls Sie Material brauchen: Ich habe noch wo die Dissertation von Wulfried Muth über Carl Muth.