Ein Web-Zeitungartikel der Deutschen Tagespost bringt viele wichtige Zitate der Scholl Geschwister. Das ist dir, Domi, vielleicht eine Hilfe, wenn du für irgendwelche Werbeveröffentlichungen noch etwas brauchst.

1940 schreibt Sophie ihrem an der Front stehenden Freund Fritz Hartnagel: „Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.(…) Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?“

Diese Klarheit der Gedanken, die letztlich zum Handeln ohne Rücksicht auf sich selbst führt, ist das Ergebnis von Lektüre und Gesprächen, die trotz innerer und äußerer Anfechtungen konsequent weitergeführt werden. „Abends … lese ich im Augustinus“, schreibt die 20-jährige Sophie während des Reichsarbeitsdienstes. „Ich muss langsam lesen, ich kann mich so schwer konzentrieren. Aber ich lese einmal zu. Auch wenn mir die Lust fehlt… Ich bemühe mich sehr, mich von den augenblicklichen Einflüssen möglichst unberührt zu halten. Nicht von den weltanschaulichen und politischen, die mir bestimmt nichts mehr ausmachen, aber von den Stimmungseinflüssen. Il faut avoir un esprit dur et le coeur tendre.“
Dieser Satz des französischen Philosophen Jacques Maritain – „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“ – taucht auch bei Hans Scholl auf. Er ist eine Art Motto jenes Freundeskreises, der sich zunächst in Ulm und dann in München rund um die Scholls bildet und zum Reservoir der „Weißen Rose“ wird. Zu Mentoren dieses Studentenzirkels werden tiefreligiöse Schriftsteller wie Werner Bergengruen, Theodor Haecker und Carl Muth. Letzteren – er war bis zu ihrem Verbot Herausgeber der Zeitschrift „Hochland“ – lernte Hans Scholl 1941 kennen, als er es übernahm, die Bibliothek des alten Mannes zu ordnen. Die Beziehung der beiden ist auch wichtig für das Verantwortungsbewusstsein und die Gewissensentscheidung zum äußeren Widerstand, wie sie allen Mitgliedern der „Weißen Rose“ gemeinsam ist.
Die Freundschaft dieses Kreises gewinnt rasch politische Bedeutung, denn inmitten einer durch Krieg und Propaganda apathisch und egozentrisch gewordenen Umwelt veranstalten die Studenten Gespräche und „Leseabende“, die sich aber nicht in selbstgefälligen Diskussionen oder – bei aller Lebensbejahung – in Geselligkeit erschöpfen, sondern immer zu praktischen Überlegungen führen.

Ich kenne das gemeinsame Lesen – es stimmt, dass das ein schmaler Grad ist. Weil ich selber am liebsten theoretischer Philosoph bin, lasse ich es nicht so gern stehen, dass das Ziel immer eine praktische Überlegung sein sollte. Und doch, wir hätten nie ein doch verhältnismäßig großes Interesse in der KJT an der dritten Welt, wenn man nicht praktisch dazu etwas machen würde am Missio-Abend und bei anderen Gelegenheiten. Unsere Fans wären nicht so begeistert beim Fußballturnier treu geblieben, wenn sie nicht als Fans praktisch gut ausgerüstet und zum praktischen Anfeuern vorbereitet gewesen wären.

Dass man beim Reden und erst recht beim Diskutieren gern selbstgefällig wird, stimmt auch. Das ist leicht bei anderen zu beobachten (Der und der hört sich gern reden, labert einen zu usw.), der Hammer, wenn man mal selber so ist. (Ein Blog ohne viele Antworten hat auch so etwas … aber der zwingt wenigstens niemand zum Gelesenwerden.)

Zuletzt noch ein berühmtes Zitat des Historikers Golo Mann über die Weiße Rose, das jener Artikel am Anfang bringt:

Hätte es im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht.

3 Responses to “Leseabende, Lektüre, Zitate”

  1. Jakob Knab Says:

    Leserbrief zu: „Gott spricht durch das Gewissen. Studien befassen sich mit dem Einfluss der Schrift von Kardinal Newman auf Sophie Scholl“; Die Tagespost Nr. 43 vom 11. April 2009

    Da ich im vorbezeichneten Artikel namentlich genannt werde, wurde ich von mehreren Seiten auf die Aussage von Fr Dermot Fenlon CO (Birmingham) angesprochen, die von der klaren „Zentralität“ Newmans für die Geschwister Scholl ausgeht. In seiner Begeisterung ist Oratorianer Dermot Fenlon ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.

    In aller Kürze möchte ich die weltanschaulichen Einflüsse, die auf Sophie Scholl wirkten, so zusammenfassen: Im Jahre 1941 gestand Sophie Scholl ihrer Freundin Susanne Hirzel gegenüber: „Ich könnte nicht leben ohne die ‚Bekenntnisse des Augustinus’.“ Ebenfalls 1941 zeigte ihr Sophie Scholl ein Buch von Kardinal Newman und meinte dabei: „Was? Den kennst du nicht? Da steht dir eine herrliche Welt bevor!“ Wichtig für Sophie Scholl war auch die Lektüre der renoveau catholique (Paul Claudel, Georges Bernanos) sowie der Pensées von Pascal. Natürlich auch die Bibel (vor allem die Psalmen und der Römerbrief des Paulus). An Ostern 1941 schrieb Sophie Scholl aus dem RAD-Lager Krauchenwies (bei Sigmaringen) an ihre Freundin Lisa Remppis: „Sonst habe ich den Augustinus, Gestalt als Gefüge, bei mir, was mir verständlicherweise manche spöttische Bemerkung einträgt.“

    Zu guter Letzt: Als Hauptmann Fritz Hartnagel, Sophie Scholls Verlobter, auf seinem Genesungsurlaub im April 1943 in Ulm weilte, kümmerte er sich auch um die Familie Scholl, die sich in Sippenhaft befand. Bei einem Besuch im Gefängnis schenkte er ihnen die von Theodor Haecker übersetzte und ausgewählte Predigtsammlung „Kirche und Welt“ (Leipzig 1938) von John Henry Newman.

    • fangtunsdoch Says:

      Danke, Herr Knab, dass Sie immer mal wieder etwas in diesem Blog kommentieren.
      Mein Feeling ist, an Newman interessierten die Themen: Gewissen, Apokalypse und Kirche. – Augustinus wurde, so würde ich vermuten, zumindest von Sophie Scholl auf einer noch basaleren Ebene gelesen: sie entdeckte am Beispiel des „Helden“ der Confessiones, dass Gott aus ihr etwas Großes machen kann – insbesondere weil er mächtig ist.
      Was spricht gegen diese Vermutung?

  2. Jakob Knab Says:

    Die Confessiones beschreiben in einer Art Selbstbetrachtung Phasen der eigenen geistigen Entwicklung. Ich mag den Begriff „Held“ nicht, aber offenkundig geht es Augustins neben Sündengeständnis, Glaubensbekenntnis und Gotteslob auch um Selbststilisierung. Im Kern freilich geht es um das Wunder der inneren Wandlung: Paulus, Augustinus und auch Sophie mussten lange Wege zurücklegen…


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