Literaturstreit
16. Oktober 2006
Man kann erzählen, warum Carl Muth sich vom Nazisystem nicht unterkriegen ließ. Sein Lebenswerk war die Zeitschrift Hochland, für die er 40 Jahre verantwortlich tätig war. In der Arbeit als Herausgeber und Autor musste ganzes Leben musste er schwere ideologische Kämpfe bestehen. Aber der Mann hatte eine Vision.
Dazu muss ich näher ausholen. Leute, die in Geschichte besser sind als ich, mögen mich verbessern:
Ende des 19. Jahrhunderts definierten sich die meisten Deutschen über Gruppenzugehörigkeiten. Man war Arbeiter, Katholik, Protestant oder liberaler Wissenschaftler oder Künstler. Natürlich konnte man auch Mitglied in mehreren Gruppen sein, es gab etwa protestantische Künstler und hochangesehene protestantische Wissenschaftler. Im katholischen Raum gab es zwar auch Wissenschaftler und Künstler, aber die waren entweder nicht angesehen oder hatten kein Niveau. Wenn jemand als Katholik an die Uni ging, konnte er schnell den sogenannten „Inferioritätskomplex“ erfahren (Minderwertigkeitskomplex würde man wohl heute dafür sagen). Unsereins ist nicht auf der Höhe der Zeit, hält nicht mit, mit den Neuerungen die heute die Welt bereichern: Der städtische Lebensstil, Evolutionstheorie, die Weltformeln der Physik, dass sich die bildende Kunst vom gegenständlichen Malen emanzipiert (in München der Blaue Reiter) usw.
Von den kirchlichen Amtsträgern war nicht viel zur Überwindung dieses Minderwertigkeitskomplexes zu erwarten. Das lag z.T. daran, dass ein Konzil 1870 mit hauchdünner Mehrheit die Unfehlbarkeit des Papstes ‚festgelegt’ hatte (Unfehlbarkeit, wenn er im Sinne eines Konsenses aller Gläubigen spricht, und einige andere Bedingungen erfüllt sind). Zwar gab es seitdem erst ein „unfehlbares“ Papstwort, aber schon im Vorfeld und erst recht nach diesem Konzil wurden in der katholischen Kirche die Zügel eng gespannt. Amtsträger wurden per Eid verpflichtet, das, was man als künstlerische und wissenschaftliche Moden ansah, offensiv zurückzuweisen. Wenn nun etwas „Modernistisches“ einem dieser Amtsträger doch als etwas Gutes erschien, kam er in Gewissenskonflikt. – Was sich der preußische Staat im Kulturkampf gegenüber Katholiken erlaubte, war freilich auch nicht ohne.
Ich nehme an, dass Carl Muth (1867 – 1944) – Katholik ohne kirchliches Amt – dieses Minderwertigkeitsgefühl aus seinen Tagen als Volkswirtschaftsstudent zur Genüge kennen gelernt hat. Ihm lag vor allem an der Literatur. Vielleicht dachte er: Man kann den Leuten doch heute nicht mehr nur den Christoph von Schmid geben (der ja zu Lebzeiten tatsächlich fortschrittlich gewesen war) und gründet seine Zeitschrift Hochland. Ein Beispiel: Nanny Lambrecht veröffentlicht ihren Roman „Armsünderin“ im Hochland als Fortsetzungsgeschichte (ca. 1908). Der Roman wirbt um Mitleid für eine ledige Mutter. Nanny Lambert schreibt 1936 im Rückblick:
Prompt flatterten wieder die Zu- und Drohschriften auf, doch einstweilen noch an die private Adresse. Und das sei ein Fortschritt, schrieb mir Muth. ‚Man wartet mit öffentlichen Angriffen wenigstens, bis der Roman zu Ende ist und man über das Gesamtbild zu urteilen vermag’
[Briefwechsel mit München] teils Aufmunterung, teils Bedenken. Diese Monate wurden zu einer wunderbaren Zeit fieberhaften Schaffens.
Und dann – die Stille vor dem Sturm. Der Roman ging zu Ende. Leidenschaftliche Ablehnung, begeisterte Zustimmung platzen aufeinander. Auch an persönlichen Verunglimpfungen hat es nicht gefehlt.
Vergebens sprach Muth sein erläutendes Nachwort im ‚Hochland’. Es hat einige zur Einsicht geführt, die ihr Schwert wieder in die Scheide zurücksteckten. Es hat etliche verstimmt, die ‚Hochland’ den Rücken kehrten und wieder in die Niederungen hinabstiegen. Und es hat manche für uns kämpfend in die Front gerückt!
Aus dem privaten Federkampf erhob sich der ‚katholische Literaturstreit’ zu dem heißen Ringen um eine Weltanschauung empor. Schriften pro und contra flogen auf den Büchermarkt. Der Zaun um katholische Literaturgebilde brach zusammen, und auch die übrige Welt wurde hellhörig. Man wusste nun wenigstens, dass auch ein katholischer Dichter eine Daseinsberechtigung hatte! Und man wusste, dass ‚katholisch’ auch eine andere Übersetzung zuließ als inferior.
Der Stein war ins Rollen gebracht! Der Gedanke war zur Tat geworden. Aber die größte Tat war: in Sturzeiten durchhalten! ‚Hochland’ blieb hohes Land, wie auch die Meinungen und Anschauungen wechselten! [es war nie populär und das wollte Muth nicht]
Aus: Festgabe für Karl (sic!) Muth zu seinem 70. Geburtstag. 18 Berichte von Freunden und Mitarbeitern. Mit Beiträgen von Joseph Bernhart u.a., in: Hochland 34/I, 1936/37, Anhang 1-47;
Der Punkt ist: man hat wieder über katholische Literatur diskutiert (und das nicht nur in katholischen Blättern), endlich wurde die Literatur einer katholischen Autorin wieder öffentlich ernstgenommen. Das Mittel zur Erreichung des Ziels war der Kampf der Gedanken. Ich wünsche dem Islam, dass er seinen heutigen Inferioritätskomplex auch über den Kampf der Gedanken überwinden kann.
Das konfessionell Katholische angemessen in die Öffentlichkeit zu tragen ist übrigens ein Auftrag, der im Wort „katholisch“ selber drinsteckt. Katholisch heißt „auf das Ganze“, allumfassend – die Religion soll sich nicht auf irgendwelche Lebensbereiche beschränken.
27. Oktober 2006 at 3:45
[...] Vom Minderwertigkeitsgefühl der gebildeten Katholiken um Wende zum 20. Jahrhunderts habe ich schon hier geschrieben. (Einer der damals im katholischen Raum verschrieenen Autoren war damals etwa der große Philosoph der Aufklärung Immmanuel Kant.) Bernhard beschreibt, wie es ihm ging, als er erstmals ins Hochland hineinlas: Just aus diesem Durcheinander über Ibsen, den Südpol, Kant in Frankreich, Bonifaz VIII. und Maeterlinds Monna Vanna, aus diesem aufwühlenden Vielerlei mit dem cantus firmus katholisch selbstsicheren Offenseins für alles von gestern und heute erhob sich die Verwirklichung des von manchen unter uns Jungen so innig Ersehnten. Noch heute finde ich in meinem Exemplar den Satz des Herausgebers angestrichen: In der Gewissenserforschung und Selbstkritik hätten wir uns redlich bemüht, für das tatbegierige Leben aber sei wenig geschehen. [...]
11. Juni 2007 at 9:24
Ironischer Zufall
CMuth war mein UrUrOpa.
Mein Deutschlehrer im Gym. hieß Kralik – wir haben uns im Unterricht auch nicht verstanden…
Hehehe
12. Juni 2007 at 10:57
Eine kurze Erklärung dazu:
Carl Muth publizierte das „Hochland“ in München.
Richard Kralik den „Gral“ in Wien.
aus: http://www.bautz.de/bbkl/k/Kralik.shtml
„[...]Im Jahre 1905 entstand der »Gral«, eine Vereinigung Gleichgesinnter aus dem Freundeskreis K.s. Eine gleichnamige Zeitschrift erschien seit dem Jahre 1906. Dieser Bund verstand sich als eine Art konservativer Gegenbewegung zu der von Carl Muth 1903 gegründeten Zeitschrift »Hochland«. Zwischen beiden Publikationsorganen wurde von 1907-1910 der »Katholische Literaturstreit« geführt.[...]„