Gebärdensprache
9. Oktober 2006
Den Text, den wir zum Fest der Seele in 22 Gebärden „sprechen“, lautet (in 31 deutschen Wörtern):
Groß bist du, Herr, und höchsten Lobes würdig.
Groß ist deine Macht, und deine Weisheit hat keine Grenzen.
Und dich will ich loben ein Mensch, irgend so ein Stück deiner Schöpfung.
(Jedem unterstrichenen Wort entspricht eine Gebärde, nur die beiden Wörter „will ich“ sind eine gemeinsame Gebärde.)
Es ist der Beginn der ersten Autobiographie, die es je gab, der „Bekenntnisse“ des Afrikaners Augustinus von Hippo. Der Titel ist so gemeint, dass Augustinus von allem Schlimmen in seinem Leben bis zum 30. Lebensjahr erzählt (bekennt), damit sichtbar wird, was am Ende doch Gutes und Tolles daraus geworden ist, weil Gott gehandelt hat. So ist das von innen, wenn man als Johannes, Jakobus, Zachäus oder Maria Magdalena Jesus begegnet. Bei Augustinus speziell: So ist das, wenn man entdeckt, dass Gott kein materielles Wesen ist. (Augustinus entdeckte da nicht nur theoretisch, sondern manches praktische dazu – so richtig bin ich da nicht drin.)
Das lateinische Original unseres Textes ist sprachlich recht schön, und noch knapper (26 Wörter), manche Wörter sind umgestellt und einige ganz anders geworden (in deutsch: keine Grenzen, auf lateinisch: keine Anzahl)
Magnus es, domine, et laudabilis valde:
magna virtus tua, et sapientiae tuae non est numerus.
et laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae
Im darauf folgenden lateinischen Text könnte man ziemlich viele rhetorische Stilmittel aufsammeln (nach vielen Jahren aus der Schule könnte mir das auch wieder Spaß machen). Der Text ist wie wenn immer zuerst eine kleine Welle kommt, und dann kommt dieselbe Welle wieder, jetzt viel größer: „magnus … magna virtus“, zu deutsch „Groß“ (zeile 1) … „Große Macht“ (zeile 2). Auch das „et laudare te vult homo“ wird mit einem verstärkenden Wort wiederholt, der Text entfaltet eine große Unruhe und Dynamik, jeder neue Halbsatz wird mit einem „und“ eingeleitet, und dann kommt es schnell zu dem Satz, den ich lateinisch von Augstinus auswenig kann (über den ich staune, den ich aber nicht immer glaube): „inquietem est cor nostrum, donec requiescat in te“ (Auf dich hin hast du [Gott] uns erschaffen und „unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ )
Augustinus muss noch einmal irgendwo gesagt haben, dass man die vollkommenste Musik nicht mehr hört. (Findet jemand das Zitat?) Das hat Willfried Hiller dazu inspiriert, sein Augustinus Oratorium in Gebärdensprache enden zu lassen. Rezensionen sind hier und hier. Hiller nimmt denselben Text, den wir auch nehmen. Die Gebärdensprachenidee in unserem Stück ist also „geklaut“. Immerhin werden unsere Gesten ziemlich anders, weil wir vom Deutschen ausgehend übersetzen.
13. November 2006 at 8:18
[...] Ich verweise auch auf meinen Eintrag zu Gebärdensprache. Wahrscheinlich überschneiden sich die Gebärdensprachentexte beider Aufführungen, nur ist unserer kurzer und beruht auf anderen Gebärden, schließlich gingen wir von einer bestimmten deutschen Übersetzung (K. Flasch) aus. Posted by fangtunsdoch Filed in Musik, Aurelius Augustinus, Das Innere [...]
15. Oktober 2007 at 9:24
[...] sagt – angesichts dessen, dass man über Welt und Kosmos staunen kann. (Ähnlich auch Augustinus, Anfang der Confessiones, den „Fangt uns doch“ in Gebärdensprache zitierte.) Dass dieses Staunen nicht oder zu wenig passiert ist, belegen die beiden ersten Strophen. In der [...]
29. Oktober 2007 at 5:18
„Bei Augustinus speziell: So ist das, wenn man entdeckt, dass Gott kein materielles Wesen ist. (Augustinus entdeckte da nicht nur theoretisch, sondern manches praktische dazu – so richtig bin ich da nicht drin.)“
Antwort: Schon als Augustinus die Schriften der Neuplatoniker studierte, wusste er, „dass Gott kein materielles Wesen ist.“ Mit der Bekehrung in Mailand strömte das „Licht der Gewissheit in sein Herz“. Über Paulus heißt es: „Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen.“ (Apg 9, 18) Und an Weihnachten 1941 schrieb Hans Scholl an Carl Muth: „Dann ist es wie Schuppen von meinen Augen gefallen.“
Ein bekannter Gottesgelehrter, der „so richtig drin ist“, schrieb kürzlich: „Ein erster Enthusiasmus ist leicht, aber ihm folgt das Standhalten auch auf den einförmigen Wüstenwegen, die im Leben zu durchschreiten sind – in der Geduld des immer gleichen Fortgehens, in der die Romantik des ersten Aufbruchs abfällt und nur das tiefe, reine Ja des Glaubens bleibt. (…) Augustinus hat nach den strahlenden Erleuchtungen des Anfangs, der Stunde der Bekehrung, die Mühsal dieser Geduld tief erfahren und gerade so die Liebe zum Herrn gelernt und die tiefe Freude des Gefundenhabens.“