Ein Verriss: Holzschnitt, Legendenbildung, Schnulz
9. Oktober 2006
Wenn unser Theaterstück in der Berliner Morgenpost einen Verriss bekäme, wäre das für uns als Gelegenheits-Amateurbühne schmeichelnd, für einen Kinofilm ist es das freilich nicht. Rothemunds Film bekam in dieser Zeitung während der Berlinade zwar noch vorsichtiges Lob, als der zweite Kritiker der Berliner Morgenpost den Film aber im Kino sah, fühlte sich Elmar Krekeler gezwungen, von einer „geradezu holzschnittartigen, angestaubten Dramaturgie, der jedes Überraschungsmoment fehlt“ zu sprechen. Das ist ein Todesurteil. (Ein anderes als das im Film gezeigte.-) Es kommt noch schlimmer. Der Film sei wie ein kitschiges Heiligenbildchen der Sophie Scholl als Schmerzensmama (Pieta) des kranken Deutschland. Ich zitiere:
Und damit wir auch merken, was für eine Heilige diese Sophie Scholl doch ist, häufen sich gegen Ende die Pietá-Bilder, muß Sophie immer in den Himmel gucken, muß sie immer mehr beten (nichts – vielleicht abgesehen vom Geschlechtsakt – wirkt, weil es da nicht hingehört, auf der Leinwand derart unecht, so derart ausgestellt wie das Beten). Und als ob für die Jeanne-d’Arc-Legenden-Bildung von Sophie Scholl damit noch nicht genug getan wäre, lassen Reinhold Heil und Johnny Klimek darüber derartig schluchzende Streicherhymnen singen, daß man für Momente bedauert, im Kino keine Altarkerzen abbrennen zu dürfen.
Todlangweilig, an der Wirklichkeit vorbei, rührselige Musik – wenn es mir nicht gut geht, gehen da so manche Befürchtungen in einem herum, wie da mal auch unser Theater herüberkommen wird.
Wenn es mir dann besser geht, denk ich mir: die Geschmäcker sind verschieden, vielleicht hab ich auch einfach das Glück, ein bisschen mehr zu sehen: ein Holzschnitt kann sehr fein ausgearbeitet sein, wenn das Leben auf die Bühne soll, muss man sich auch an schwierigen Dingen probieren (z.B. Beten darstellen) und die Schwierigkeiten dabei als Herausforderungen sehen, und selbst wenn unsere Musik dem ein oder anderen Zuschauer hymnisch schluchzend vorkommt – wir würden uns freuen, wenn im Publikum Kerzen oder Sternwerfer angezündet würden.