Donaukähne bauen, Aussätzige heilen – Grogo und Otl
28. September 2006
Hier ein wenig Recherche über die Jugendfreunde Otl Aicher und Willi Habermann (mit Spitznamen Grogo). Otl Aicher starb 1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Als ein Erinnerungsbuch erschien, schrieb Willi Habermann dafür einen Aufsatz über die Jugendfreundschaft der beiden. Aus „Freundschaft und Begegnung. Erinnerungen an Otl Aicher“, Ulm 1997 sind die folgenden Informationen entnommen.
Otl wählte seine Freunde sehr elitär aus, und er machte mit ihnen elitäre Unternehmungen: Zusammen mit einem dritten Freund Friedo (Kotz) bastelten die beiden selber Kähne und Flösse, mit denen sie auf einem Seitensee der Donau ruderten. Weitere Hobbys: Säbelfechten und irgendwelche halsbrecherischen Konstruktionen bauen, damit man tolle Fotos vom Ulmer Münster machen kann. Mit 17 Jahren (1939) schrieb Otl auch seine Meditationen auf, z.B.:
„Die Menschen setzen nicht auf ihre Vernunft – ihr Gewissen ist meist dämlich – konservativ – Stimme der Masse in ihnen – der Sitte – so es gilt, auf Gott zu horchen – aber auch sich vom Ekel vor denen mit dem Massengewissen zu reinigen – denn man muss seine Feinde lieben – und: es gibt nur einen Beruf: Christ werden! Aussätzigenarzt.“
Die beiden lasen wechselseitig, was der andere geschrieben hatte. Grogo schrieb Gedichte. Die wurden von Otl manchmal sehr gelobt, ein andermal dann böse kritisiert. Grogo regte auch an, dass Otl einen Aufsatz, den er über ein Gedicht des berühmten Bildhausers Michelangelo geschrieben hatte, an Carl Muth schickte. (Das geschah aber noch nicht im Jahr 1937, wo wir es im Stück spielen lassen, sondern gute drei Jahre später.)
Otl antwortete in einem Brief „unwichtig ist mir der Anschluss an ihn … ich brauche keinen Anschluss. Nur um des Urteiles allein möchte ich ihn hören.“ (Brief vom 21. Januar 41) Als Otl Carl Muth dann kennen gelernt hat, hat sich sein Urteil gewandelt „Oh, ich bin so froh, dass ich nun einen Mann gefunden habe, der mir ein Vater sein kann….“ (14.2.41)
9. November 2006 at 5:01
[...] Die Sache mit dem Abitur ist natürlich kritisch. Willi Graf, etwas früher und im erst spät ins Reich integrierten Saarland konnte es trotz seiner Blockadehaltung gegenüber der Hitlerjugend doch machen. Ebenso wie Otl verweigerte er Eltern und Schwestern den Zugang zu seiner Welt. Otl war meines Wissens der Einzige in ganz Württemberg, dem wegen Nichtmitgliedschaft in der Hitlerjugend das Abitur verweigert wurde. Jedenfalls ist es nicht ganz gerecht, im Nachhinein die eigenen Eltern quasi als Mitläufer des Systems darstellen, wie in den “innenseiten des krieges” geschehen. Selbst wenn er es damals so empfunden hat. Dass Otl sich vaterlos fühlte, bevor er Kontakt zu Carl Muth bekam, habe ich schon in einem anderen Eintrag erwähnt. [...]