Auf heisse.de schreibt Rüdiger Suchsland zum Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

[…] immerhin kommt es zu der erstaunlichen Erfahrung, dass man sogar eine Art Suspense empfindet, eine Spannung, eher Anspannung, dass man fast beginnt, darauf zu hoffen und zu glauben, dass Sophie Scholl vielleicht doch noch davonkommen könnte. Die eigentliche große Leistung des Films ist dieses Drehbuch. […]

Noch wichtiger ist nämlich eine zweite Wirkung dieses Drehbuchs: die Sprache. Durchweg ist sie idealisiert, dominiert ein hoher Ton. Wenn manche Kritiker über den Film bemerken, hier werde Pathos vermieden, dann irren sie. Vermieden wird Sentimentalität – und noch nicht einmal die ganz. „Die Sonne scheint noch“, sind die letzten Worte Sophie Scholls im Film. Stattdessen geht es um „Freiheit und Ehre … ein neues geistiges Europa … Sitte, Moral und Gott“ gegen „die falsche Weltanschauung“.

Man kennt solche Worte gar nicht mehr, man kennt noch weniger Menschen, die so sprechen – so fern und fremd wirkt das alles manchmal. Aber gerade das ist gut. Denn die Fremdheit liegt nicht etwa primär in der Unzeitgemäßheit einer Weltanschauung, die Thomas Assheuer in der „Zeit“ treffend als „eine Form politischer Theologie“ charakterisiert, sondern in der Unbedingtheit mit der Politik als Ernstfall und existentieller Lebensbereich begriffen wird. Indem uns der Film darauf stößt, wie fern eine wie Sophie Scholl uns ist, erinnert er uns daran, wie nahe sie uns sein könnte. Ein Redefilm, der seinen Stoff immer wieder ins Abstrakte hebt, der sperrig ist, nicht vermenschelnd.

„Die kritische Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Ästhetik“, die Barbara Schweizerhof beherzt und trotzig (und dann doch nicht gerade im Übermaß begründet) jetzt in der „taz“ dem Lob der Kollegen nachwirft, lässt sich ganz einfach so beantworten: Manchmal muss es eben Pathos sein. Und gegen den Pathos des Widerstands gegen Tyrannei ist ganz und gar nichts einzuwenden. Unerträglich die Vorstellung, man würde uns eine Sophie Scholl zumuten, die irgendwie „heutig“ und „zeitgemäß“ wäre, cool und vorlaut. Indem die Sophie Scholl dieses Films spricht wie die Figuren bei Schiller – „ein harter Geist, ein weiches Herz“ -, voller brennender Leidenschaft für ihre Gedanken und die Freiheit, sie zu denken, für die Wahrheit und die Freiheit, an ihr festzuhalten, indem sie auch inhaltlich ganz ungebrochen und ohne geringste Einschränkungen Idealismus pur an den Tag legt und ihre Ausführungen mit einem Lutherschen „Ich kann nicht anders.“ bekräftigt, macht die Figur bewusst, was den heutigen politischen Diskursen fehlt. Ein Heldendrama, das daran erinnert, dass es in der Politik um Leben und Tod geht, gehen muss, gehen kann, und dass die Tatsache, dass sich die Dinge heute vor allem um Visa, Diäten und Rentenkürzungen drehen, nicht nur einen Gewinn bedeutet.

Die Behauptung ist also, dass eine Sprache „wie Schiller“ einfach angemessen für das Thema ist. Ich behaupte ja nicht, dass die Sprache unseres Theaterstückes so gut ist wie die oben gerühmte. Interessanterweise aber war meine Methode nicht groß anders als die des Drehbuchautors Fred Breinersdorfer. Suchsland zitiert, was Breinersdorfer über seine Verfahrensweise sagt

… Die Dialoge sind aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt: Die Protokolle, Briefe und Aufzeichnungen von Sophie Scholl – ihre individuelle Schreibsprache. Zitate von ihrer Schwester Inge, Zitate aus den Flugblättern. Da ging es dann zunächst einmal darum, diese Texte überhaupt sprechbar zu machen.

Ich hoffe ja doch, man merkt in „Fangt uns doch“ den Unterschied zwischen der Sprache Goethes und dem Rest. Extra pathetisch werden wir meines Erachtens selten. Beim Lernen merkt ihr hoffentlich, wo es nicht sprechbar ist, damit wir es noch ändern können. Sagt Suchsland, die Sprache des Films (und damit die der Tagebücher) sei ein gutes Modell für eine heutige Sprache – oder sagt er, der Film spreche nur eine Sprache für außergewöhnliche Politiker und übermenschliche Helden?

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