In einem Beitrag zum Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schreibt

Sophie Scholl ist in Julia Jentsch so unabweisbar gegenwärtig, als käme sie aus der heutigen Zeit und als sei sie eine von uns.

Er lobt die schauspielerische Leistung, die den Zuschauer mitreißt, ergänzt dann aber

Man nimmt diesem Film nichts von seiner Eindringlichkeit, wenn man feststellt, dass sein Versuch, Sophie Scholl zu unserer Zeitgenossin zu machen, die historische Wahrheit nur streift. Denn in Wirklichkeit ist uns diese junge Frau nicht nah, sondern fern und fremd. Erst recht das verschlungene Universum ihres religiösen Empfindens bleibt unserem Weltbild unverständlich. Rothemund scheint dies zu spüren und vertraut deshalb ganz auf nachholende Einfühlung und die Macht der Empathie.

Es regt mich auf, wenn jemand betont, dass uns das Weltbild der Widerstandskämpfer fremd bleibt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder es stimmt oder Assauer soll sagen, wo der Fehler liegt.

Außerdem: Ist es nicht unendlich viel, wenn die historische Wahrheit in einem Film gestriffen wird? Ich würde ja gern wissen, was an dem Film gelogen ist. Sophie ist vielen Leuten in München, etwa Annelies Graf, nicht groß aufgefallen. Julia Jentsch spielt keine Frau, die prinzipiell groß auffällt. Der Glanz und die Empathie für Sophie Scholl kommen vom Ende, von den Taten, vom Sicherstehen im Prozess, davon, dass sie im Nachkriegsdeutschland hoch geschätzt wird.

Vor allem regt mich das Zitat auf, weil es so tut, als wären die Verständnishorizonte unter Zeitgenossen so ähnlich: wir verstehen uns ja alle aber jemand von damals kann man nicht mehr verstehen. Es gibt (in gutem Sinne) elitäre Leute auch heute, man versteht sie auch erstmal nicht: aber man hat doch eine Chance. Und die Verstehenschance für Sophie Scholl ist ziemlich groß, denn man kennt viele privaten Aufzeichnungen von ihr.

Was sind die Dinge im Leben der Sophie Scholl, an denen der Film vorbeigeht? Mir ist nicht klar, ob Assauer kritisiert, dass der Film die öffentliche, politische Dimension ihres Widerstandes ausklammert. Aber Assauer behauptet, dass der Zuschauer heute eigentlich mit Sophies religiösem Weltbild nichts anfangen kann. Ich zitiere wieder

Gewiss war Sophie Scholl keine dezidierte Intellektuelle, jedenfalls nicht in dem Maß wie die anderen Mitglieder der Weißen Rose, die noch immer in ihrem Schatten stehen. Doch wer ihr religiöses, durch Pascal- und Augustinus-Lektüren sowie vom katholischen »Hochlandkreis« beeinflusstes Weltbild ausblendet oder wer sie gar zu einer seelenverwandten Zeitgenossin erklärt, der verleiht ihrem Widerstand gegen die »Herrschaft der brutalen Gewalt« etwas Privates und Zufälliges.

In Wirklichkeit handelte Sophie als christliche Universalistin. Sie missbilligte jede Form von Gewalt und stellte die biblische Wahrheit höher als die machtvergötzende »Wahrheit« germanischer Götter. Gott sei für alle Menschen »herabgestiegen« und nicht nur für die Starken. Einmal streitet sie sich in ihren Briefen mit ihrem Freund Fritz Hartnagel über dessen Militärdienst. Als Soldat müsse er unterschiedlichen Herren und unterschiedlichen »Wahrheiten« dienen. Doch als Christin lehne sie dies ab – kein Mensch und keine irdische Macht dürften sich an die Stelle des Absoluten setzen.

Zugegeben, es ist sehr selten die Sprache von heute, dass man einem Menschen oder einer höheren Macht dient. (Beim Worten wie Gottesdienst oder Wehrdienst assoziiert man kaum, dass da jemand ist, dem man dadurch dient, dass man dabei ist.) Aber ich glaube, der ärgerlichste Punkt, wenn uns Sophie Scholl Weltbild nicht nahe kommt, ist, dass man den Tod nicht sehen will. Und der ist den Menschen heute und damals fremd gewesen. Freilich nicht Augustinus, Pascal, Carl Muth. Ohne dass ich ein besserer Zeitgenosse wäre, fasziniert mich das.


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